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Zu wenige Nährstoffe im Bodensee: Berufsfischer kämpfen ums Überleben

Roland Stohr (links) verdient seit 1982 seinen Lebensunterhalt als Bodenseefischer.
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  • Roland Stohr (links) verdient seit 1982 seinen Lebensunterhalt als Bodenseefischer.
  • Foto: Camilla Schulz
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Die Zeiten für die Bodensee-Berufsfischer sind äußerst schwierig. Seit Jahren gehen die Fänge deutlich zurück. Jetzt aber ist die Situation richtig dramatisch geworden. Der Grund: Der Brotfisch der Fischer, das Bodenseefelchen, findet nahezu keine Nahrung mehr und die Fische werden immer magerer.

Gerade einmal 15,2 Tonnen Felchen konnten die Bayerischen Bodenseefischer im Jahr 2018 fangen. Im Vergleich: Im Jahresmittel zwischen 2000 und 2010 lag der jährliche Ertrag noch bei 67 Tonnen. 

Auswirkungen auf Bodenseefischerei

"Von der Fischerei alleine können wir schon seit etwa zehn Jahren nicht mehr leben", sagt der Vorsitzende der Bayerischen Bodenseefischer, Roland Stohr aus Wasserburg. Aus diesem Grund verkauft Stohr mittlerweile auch zugekauften Fisch aus anderen Regionen und setzt zusätzlich noch auf die Vermietung von Ferienwohnungen. So schlimm wie derzeit war die Situation für die Berufsfischer am Bodensee noch nie.

Ursache: Zu wenig Phosphat

Die Ursachen für den Rückgang der Fänge sind so einfach wie kompliziert. Noch in den 70er und 80er Jahren galt der Bodensee als "schmutziges" Gewässer. Die Zuflüsse - auch aus den Kläranlagen - schwemmten Unmengen an Verunreinigungen und Nährstoffen in den See. Der See war "überdüngt" und drohte "umzukippen". 

Mittlerweile aber arbeiten die Kläranlagen so gut, dass der Bodensee als Trinkwasser-Reservoir höchster Güte gilt - die Wasserqualität liegt deutlich über den europäischen Vorschriften. Eine grundsätzlich gute Entwicklung, die aber auch Negativseiten hat. Mittlerweile wird soviel Phosphat aus den Zuläufen gefiltert, dass den Bodenseefelchen die Nahrung ausgeht.

Die Erklärung: Phosphat ist nötig für die Entstehung von pflanzlichem Plankton. Das wiederum dient kleinsten Insektenlarven, Krebstierchen und anderem Zooplankton als Futter. Genau von diesem tierischen Plankton ernähren sich wiederum viele Fischarten - allen voran das Bodenseefelchen. Ist also zu wenig Phosphat im Wasser, hungern auch die Fische. 

Während Roland Stohr und seine Kollegen vor einigen Jahren mit den vorgeschriebenen Netzen noch zwei bis drei Jahre alte Felchen gefangen haben, bleiben mittlerweile nur noch vier- bis fünfjährige Fische hängen - und die sind auch noch magerer als üblich.

Kormoran und Klimawandel

Hinzu kommen auch noch andere Ursachen, die den Fischern das Leben schwer machen, sagt Roland Stohr. Der Kormoran ist einer davon. Nach Einschätzung des schwäbischen Fischereibeauftragten, Dr. Oliver Born, fressen die Vögel vermutlich mehr Fisch, als die Fischer fangen können. Damit reduziert sich die Zahl der Tiere weiter. 

Auch der Klimawandel läuft gegen die Berufsfischer am Bodensee. Zum einen bleibt immer häufiger das Schmelzwasser aus den Alpen aus, das sonst größere Mengen an Nahrung in den See schwemmt, zum anderen fehlte in den letzten Jahren häufiger die sogenannte Vollzirkulation im Gewässer. Dieses witterungsbedingte Phänomen verursacht eine Durchmischung von höheren und tieferen Wasserschichten und spült Sauerstoff und Nahrung in die oberen 15 Meter des Bodensees, wo die Felchen üblicherweise am meisten Futter finden.

Kein Besatz möglich

Die Mangelernährung der Felchen ist sogar so dramatisch, dass die Fischer keinen Laich (Fischeier) fangen können. Der ist jedoch nötig, um im kommenden Jahr neue Jungfische zu besetzen. Ob die Tiere heuer gar nicht abgelaicht haben oder sich einfach nur das Laichverhalten verändert hat, weiß Stohr nicht genau. Fakt aber ist: Durch den ausgebliebenen Laichfang wird sich die Situation der Fischer in ein paar Jahren möglicherweise weiter verschärfen.

Forderungen der Berufsfischer

Die bayerischen Fischer fordern die Politik deswegen dringend zum Handeln auf. "Wenn die Situation so bleibt, dann wird es in 20 Jahren keine Berufsfischer mehr am Bodensee geben", sagt Roland Stohr. "Auch uns ist ein sauberer See wichtig", sagt der Vorsitzende der Bayerischen Fischer, "aber wir benötigen dringend mehr Nährstoffe im Wasser." Etwas mehr Phosphat würde der Trinkwasserqualität des Sees nicht schaden, ist sich der Wasserburger sicher.

Ein schneller Lösungsansatz wäre für Stohr auch die Einführung von engmaschigeren Netzen. Damit könnten die Bodenseefischer ihren Ertrag etwas steigern und wieder zwei- bis dreijährige Felchen fangen. Das hätte zugleich den Effekt, dass die verbleibenden Fische wieder über mehr Nahrung verfügen würden. Die Tiere wären dadurch gesünder und könnten z.B. wieder eher für Nachwuchs sorgen.

Andere Fischarten keine wirtschaftliche Alternative

Felchen sind zwar nicht die einzigen Fische im See, für die Bodenseefischer aber die wirtschaftlich interessantesten. Einfach so auf andere Fischarten zu setzen, sei nicht so einfach, sagt Stohr. Hechte und Zander beispielsweise könne man zwar verkaufen, seien aber nicht so gefragt. Noch extremer ist das bei den Rotaugen. Deren Fangmenge macht rund 30 Prozent des Gesamtertrages der bayerischen Fischer aus. Leider aber wissen die Kunden mit den eigentlich leckeren Weißfischen nichts anzufangen. Große Teile der gefangenen Rotaugen verkauft Roland Stohr deswegen an Tierparks - die aber zahlen schlecht.

Keine Bodenseefischer, keine regionalen Fische

Seit 1982 fischt der Wasserburger auf dem Bodensee, sein Vater Peter feiert heuer sogar schon sein 60. Fischerjubiläum. Beide setzen ihre Hoffnungen auch auf das Bewusstsein für Nachhaltigkeit. "Ohne uns Berufsfischer gibt es am See auch keine regionalen Fischprodukte", sagen sie. "Felchen aus Russland, die kann man schon kaufen - aber das ist dann nicht mehr regional und nachhaltig".

Autor:

David Yeow aus Kempten

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