AZ in Aktion
Tobias Schuhwerk beschreibt, wie er den ersten Marathon seines Lebens im Wasser erlebte

Einen Marathon laufen viele. Aber kann man 42,2 Kilometer auch schwimmen? AZ-Reporter Tobias Schuhwerk (36) hat es geschafft. Beim 33,3-Stundenschwimmen des TV Kempten 1856 schwamm er die längste Strecke unter 644 Teilnehmern.

Die ersten 21 Kilometer kraulte er ohne Unterbrechung in 6,5 Stunden. Danach pausierte er und sprang insgesamt noch fünf Mal ins Wasser, bis er 1688 Mal die 25-Meter-Bahn geschwommen war. Dazwischen gab es weitere Pausen - und nur fünf Stunden Schlaf. Das Ganze diente einem guten Zweck. Für jeden Kilometer spendeten Sponsoren für die Nachwuchsschwimmer des TVK, für den Schuhwerk als Kind selbst Wettkämpfe bestritten hatte.

Noch nie fiel es mir schwerer einen Artikel zu schreiben. Meine Arme sind bleischwer, die Hände zittrig und meine Augen zugeschwollen wie bei einem Preisboxer. Schlafmangel und Schwimmbrille haben Spuren hinterlassen. Doch Jammern zählt nicht am ersten Tag nach dem Wassermarathon.

Erstens hat mich niemand dazu gezwungen und zweitens überwiegt die Freude, es geschafft zu haben. Daran hatte ich selbst nicht geglaubt. Mein Ziel war es, zehn Kilometer am Stück zu schwimmen. Dafür habe ich ein Jahr lang bis zu sieben Mal die Woche trainiert. Die längste Einheit betrug sieben Kilometer.

Um 6.13 Uhr gehts los

Jetzt also der << Zehner >>! Schon eine halbe Stunde vor dem Start am Samstag um 6.13 Uhr betrete ich das Cambomare. Schlafen konnte ich da längst nicht mehr. Der Puls hämmert, der Magen rumort. Meine größte Sorge: Hoffentlich bekomme ich keine Krämpfe!

Zur Beruhigung lege ich stapelweise Flüssignahrung, Riegel, Süßigkeiten und Wasserflaschen neben den Startblock. Dann begrüße ich erleichtert die ersten Kameraden meiner Triathlon-Schwimmgruppe. Sie wollen mich in Schichten begleiten, damit ich nie allein schwimmen muss. Was für ein Service!

Los gehts. Trainer Jens Lengefeld zählt zu den ersten Begleitern und er legt den Grundstein für alles, was danach kommt. Denn er bremst mich aus, als ich ungeduldig das Tempo erhöhen will. << Bleib in der Ruhe, Kamerado! >>, raunt er mir an der Wende zu.

Ich gehorche und konzentriere mich voll auf seinen Rhythmus - bis ich ihn total verinnerlicht habe. Locker. Leicht. 21 Armzüge pro Bahn. Alle 20 Minuten eine kurze Trinkpause und die immergleiche Frage an die freundlichen Bahnenzähler: << Wieviel Kilometer sinds jetzt? >> Als der Zehner erreicht ist, gehts mir überraschend gut. Ich schwimme einfach weiter und denke an die Worte von TVK-Trainer Erik Hanold: << Stell dir einfach vor, du wanderst den ganzen Tag. >> Ein schöner Gedanke.

Dennoch: Die härteste Phase kommt bei Kilometer 16. Ich werde müde, spüre ein leichtes Zwacken in der Wade. Zum Glück ist gerade mein früherer Trainer Helmut Hauber zur Stelle. Wir schwimmen zur Entspannung ein paar Bahnen Rücken, dann gehts kraulend weiter. Später sorgt Hauber mit seiner Band << Edelstoff >> und Siebziger-Jahre- Rock für den passenden Schwimmfilm-Soundtrack.

Auch die einfühlsamen Kommandos meiner beiden Brüder am Beckenrand spornen mich an: << Friss die Kacheln, Junge! >> Als ich nach 21 Kilometern aus dem Becken taumle, grinsen mich Kemptens Vorzeigeschwimmer Lisa und Benni Ritter an: << Jetzt packst du auch den Marathon. >> Ich mache vier Stunden Pause.

Dann steht der Entschluss: Ich werde es probieren. In fünf weiteren Einheiten schwimme ich bis zu sieben Kilometer. Sobald ich im Wasser bin, läuft der Motor. Zwar werden die Schultern schwerer, aber ich habe keine Schmerzen - und keinen einzigen Krampf. Was auch daran liegt, dass ich meinen Körper mit Unmengen Essen und Wasser versorge. Dass ich dennoch zwei Kilo abnehme, gehört zu den positiven Nebenwirkungen

<< Die letzten 500 Meter werde ich nie vergessen >>

Die letzten 500 Meter werde ich nie vergessen. Jens und Erik springen ins Becken, sie eskortieren mich ins Ziel. Wir liegen uns in den Armen. Ich bin an einem Punkt angekommen, von dem ich nie gedacht hätte, ihn jemals zu erreichen: bei 42,2 Kilometer. Ein schöneres Gefühl kann man sich kaum vorstellen.

P.S.: Den Marathon hätten sicher auch weitere Schwimmer vom Veranstalter TV Kempten 1856 geknackt. Doch die waren fast rund um die Uhr als Helfer im Einsatz. Wenn es zu einer Neuauflage des Stundenschwimmens kommt, werde ich sie als kleines << Dankeschön >> als Bahnenzähler unterstützen!

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