Behindertensport
Nach dem Schock zurück ins Leben

Als Bernd Sattler nach zehn Tagen Anfang Juni 1995 aus dem Koma erwacht, hat sich sein Leben vollkommen verändert. Ein Arzt steht am Krankenbett und teilt dem damals 25-Jährigen mit, dass zwei Brustwirbel nach einem Motorradunfall zerstört sind, sein Rückenmark komplett durchtrennt ist und er für immer im Rollstuhl sitzen muss. «Das braucht Monate, bis du über solch eine dramatische Diagnose hinwegkommst», sagt der heute 41-Jährige. «Du willst die neue Lebenssituation nicht wahrhaben und denkst, das kann einfach nicht sein.» Erst im Laufe der Zeit realisiert Sattler, dass Dinge, die vorher selbstverständlich waren, nun plötzlich nicht mehr möglich sind.

Nach dem Krankenhaus kommt er zur Rehabilitation nach Murnau. Hier lernt er, wie er wieder zurück ins Leben findet, wie er vom Rollstuhl ins Auto und wieder zurückkommt, wie er mit intensiver Krankengymnastik die eingeschränkte Bauch- und Rückenmuskulatur stabilisiert. Wie wichtig Sport ist, um wieder Freude und Spaß zu empfinden und das zerstörte Selbstwertgefühl durch neues Handeln, neue Erfolgserlebnisse zu reparieren. «Der Patient muss aktiviert werden», nennen Therapeuten diesen Schritt. In Murnau spielt Sattler fast jeden Tag Rollstuhl-Basketball.

Auch Nichtbehinderte spielen mit

Ein Jahr später gründet er zusammen mit einem Bekannten, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt, eine Rollstuhl-Basketballgruppe beim TSV Sonthofen, die sich jede Woche trifft. Mit dabei sind auch Nichtbehinderte, die sich in einen Rollstuhl setzen und mitspielen. «Ohne Sport würde mir etwas ganz Wichtiges fehlen. Er gehört zum besten Bestandteil meines Alltags», sagt Sattler. «In den Trainingsstunden kann ich meine Koordination verbessern und das Maximum aus meinem Körper herausholen». Nach dem Training geht die Gruppe im Sommer auch hin und wieder in den Biergarten oder trifft sich zum Grillen und pflegt über den Sport hinaus Kontakte.

Mit Liegerad zum Giebelhaus

Im Sommer ist der 41-Jährige mehrmals die Woche mit seinem Liegefahrrad Richtung Giebelhaus oder nach Rohrmoos unterwegs. Auf diese Weise kommen bis zum Herbst rund 3000 Kilometer zusammen. «Ich erreiche Winkel, wo ich mit dem Auto nie hinkommen würde», lässt Sattler wissen. Und er kommt raus aus dem Loch, in das viele Behinderte fallen, wenn sich ihr Leben dramatisch ändert und sie noch einmal von vorne beginnen müssen. Er kennt einige, die nach dem Schicksalsschlag depressiv geworden sind, zu Hause bleiben und sich völlig abkapseln. «Du kannst zerbrechen oder aber wieder am Leben teilnehmen», macht Sattler anderen Behinderten Mut. Sport ist für den Sonthofer eine Quelle, die dem Leben wieder einen Sinn gibt. Auch wenn man das persönliche Unglück nie vergessen kann, da der Rollstuhl immer präsent ist.

Bei WM und EM dabei

Ein Leben ohne Sport kann sich auch Andrea Billmeier nicht vorstellen. Sie hat 1994 eine Nationalmannschaft im Sitzvolleyball aufgebaut, spielte anschließend zehn Jahre aktiv für Deutschland bei jeweils fünf Weltmeisterschaften und EM-Turnieren. Dabei schloss sie viele Freundschaften, hatte Spaß mit Gleichgesinnten und war viel unterwegs.

An den Tag, als ihr Leben einen anderen Verlauf nimmt, kann sich die 49-jährige AOK-Angestellte noch genau erinnern. Am 20. Juli 1979, kurz vor 20 Uhr, sitzt sie hinter ihrem Freund auf dem Motorrad, als ein Pkw in der Gottesackerstraße in Immenstadt plötzlich auf der Fahrbahn der beiden entgegenkommt, das Motorrad erfasst und Andrea Billmeiers linkes Bein unterhalb der Kniescheibe zerquetscht. Fünf Tage später wird ihr in einer Münchner Klinik der Unterschenkel amputiert.

Ein Jahr danach schließt sie sich der Behinderten-Sportabteilung des TV Immenstadt an und spielt Volleyball. Die Prothese, die sie unterhalb des Knies trägt, gibt ihr die nötige Standfestigkeit und Stabilität. «Dadurch habe ich die Technik gelernt, die mir später beim Sprung in die Sitzvolleyball-Nationalmannschaft geholfen hat», sagt die 49-Jährige. «Der Sport hat mir damals nach dem Unfall sehr viel Kraft gegeben.» Und viel Selbstbewusstsein. Denn trotz Handicap hat Andrea Billmeier erkannt, dass sie sportlich weiterkommt und sogar mit den besten Sitzvolleyballerinnen weltweit mithalten kann. Sie akzeptierte die Folgen des Unfalls auch deshalb sehr schnell und haderte nicht mit ihrem Schicksal, «weil mir meine Familie und Freunde Halt gegeben haben».

Schon gleich nach der Reha hätten Bekannte bei ihr angerufen und sie aufgefordert, zum Sporteln in die Übungsstunden der TVI-Behindertensportler zu kommen.

Sich einer Sportgruppe anzuschließen rät die Immenstädterin jedem, der mit einer Behinderung leben muss. «Man ist unter seinesgleichen geborgen, hat Spaß und unternimmt viel zusammen.»

Die vielen sozialen Kontakte schätzt auch Franz Schneider sehr. Für ihn ist der Sport ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens «und kommt gleich nach der Familie», sagt der 54-Jährige. Mit zweieinhalb Jahren verlor er seinen linken Oberarm. Als sein Vater zu Hause auf dem Bauernhof in Luitharz in der Tenne Holz für den Winter auf der Kreissäge zerkleinert, passt der vorbeilaufende Franz nicht auf. Das Sägeblatt erwischt den Ärmel seines Pullovers und zieht den linken Arm in die schnurrende Maschine.

Fast alles ausprobiert

«Der Arm war sofort ab», haben mir die Eltern später erzählt», sagt Schneider. An den Unfall kann er sich aber nicht mehr erinnern. Nur daran, dass er trotz Behinderung mit den Kindern im Dorf auf dem Bolzplatz kickte und später beim SSV Niedersonthofen die Fußballschuhe schnürte. Bis er 18 war, trug er eine Prothese, damit die Wirbelsäule gerade wächst. Danach hat er das künstliche Körperteil nie mehr benutzt. «Als leidenschaftlicher Sportler habe ich bis auf Tennis fast alles ausprobiert», lässt der 54-Jährige wissen. Geblieben ist er schließlich beim Kegeln und Schießen. Mit der 1. Mannschaft des TV Immenstadt spielt Schneider derzeit in der Kegel-Bezirksliga Schwaben. Mit den Behindertensportlern des TVI war er mehrmals deutscher Meister.

Bei vielen Wettkämpfen hat er Freundschaften geschlossen und ist «immer viel rumgekommen». Sein Tipp an alle Behinderte lautet deshalb, sich einem Verein anzuschließen und dadurch Kontakte knüpfen zu können. «Sich zu Hause einschließen und grübeln ist die schlechteste aller Möglichkeiten», weiß Schneider.

Diese These unterstützt auch Britta Schnalzger aus Blaichach. Die 30-Jährige ist seit Geburt fast taub und hat als Skifahrerin Karriere gemacht. Sie war mehrmals deutsche Meisterin in allen alpinen Disziplinen und belegte bei der Winter-Olympiade der Gehörlosen 2007 in Salt Lake City Rang fünf im Super G und im gleichen Jahr Platz vier bei der EM in Seefeld.

In den vergangenen Jahren hat sich die gelernte Mediengestalterin mehr auf den Bowlingsport konzentriert und war heuer Zweite bei der deutschen Gehörlosen-Meisterschaft mit ihrem Verein GSV München. Für Britta Schnalzger ist Sport «ein Ausgleich für mein fehlendes Gehör und eine positive Verstärkerquelle im Alltag». Durch den Sport hat sie viele Freunde gefunden und erhält Anerkennung für ihre Leistungen.

Sehr gute Hörgeräte erforderlich

Weil sie nicht alles versteht, liest die 30-Jährige von den Lippen ab. Dazu seien gutes Licht und sehr gute Hörgeräte Voraussetzung, um die Worte des Gegenübers aufzunehmen. Manchmal leidet die Blaichacherin aber auch unter ihrem Handicap. «Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen», sagt sie. Sie müsse sich zum Beispiel am Arbeitsplatz vieles erkämpfen, obwohl sie die gleiche Ausbildung wie Nichtbehinderte hat.

Es gibt aber auch jede Menge Glücksmomente in Britta Schnalzgers Leben. Ein ganz besonderer wird der 14. Mai 2011 sein.

An diesem Tag heiratet sie ihren Freund Denny in der Sankt Leonhard-Kirche in Bad Hindelang-Liebenstein.

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