Sportförderung
Interview mit DOSB-Präsident Alfons Hörmann über die Streichung der Curling-Förderung

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Hörmann begründet das Streichen der Zuschüsse mit fehlenden Strategien im Verband. Außerdem betont er: 'Sportförderung ist ein Privileg und kein Recht'.

Herr Hörmann, die Verantwortlichen des Deutschen Curling-Verbandes nehmen kein Blatt vor den Mund und suchen den Schuldigen für die Streichung der staatlichen Fördermittel in Ihnen. War es wirklich Ihre persönliche Entscheidung, den Curlern den Geldhahn zuzudrehen?

Alfons Hörmann: Nach den Spielen in Sotschi sind vom DOSB im Beisein des Bundesinnenministeriums (BMI) die Zielvereinbarungsgespräche für den Olympiazyklus 2015 bis 2018 geführt worden. Alle Verbände sind gleich behandelt worden. Es stellte sich heraus, dass es bei den sieben Wintersportverbänden insgesamt einen Mittelmehrbedarf im mittleren sechsstelligen Bereich gibt.

Um die Lücke zu decken, gab es drei Möglichkeiten: Zusätzliche Finanzmittel vom BMI, ein weiteres Einsparen nach dem Rasenmäher-Prinzip oder eine Priorisierung der Sportarten, wie das in fast allen Ländern bereits der Fall ist, inklusive der oft als positives Beispiel genannten Briten. Die Verantwortlichen im Bereich Leistungssport haben für eine Priorisierung plädiert. Als Präsident trage ich das uneingeschränkt mit.

Sie wissen, dass Sie sich im heimischen Allgäu, vor allem in den Curling-Hochburgen Füssen und Oberstdorf damit keine Freunde gemacht haben. Dort fragt man sich, warum ausgerechnet und ausschließlich der kleine Curling-Verband bluten muss.

Hörmann: Zunächst einmal geht es nicht darum, wer bluten muss und nicht um die Frage, welcher Verband klein oder groß ist. Vielmehr geht es um einen möglichst effizienten Mitteleinsatz. Der Curlingverband hat am Anfang der Zielvereinbarungsgespräche klar erklärt, dass das Zukunftskonzept und die angestrebte Olympiaqualifikation nur mit zusätzlichem Geld erreichbar ist. Deshalb hat der DOSB das BMI gebeten zu prüfen, ob zusätzliches Geld bereitgestellt werden kann. Ansonsten sieht der DOSB nur die Möglichkeit, Prioritäten zu setzen.

Ihre beim letzten Gespräch mit dem Curling-Verband geäußerte Absicht, sich beim BMI für das Bundesleistungszentrum in Füssen und die Kostenübernahme für EM- und WM-Teilnahmen einzusetzen, wird vom DCV als öffentliche Beruhigungspille angesehen. Beiden Fällen sei ja die Grundlage entzogen, wenn kein Geld mehr für Training, Trainer und Eis zur Verfügung steht

Hörmann: Ich habe zunächst einmal volles Verständnis für die Situation der Curler. Ich würde mir auch wünschen, dass genügend Geld für alle Disziplinen und Sportarten zur Verfügung stünde. Das ist aber leider nicht der Fall. Uns geht es nicht um eine Beruhigungspille, sondern um eine angemessene Fortsetzung der Arbeit des Verbandes.

Deshalb plädieren wir dafür, dass grundlegende Strukturen wie Bundesstützpunktsystem, Kaderstrukturen, Trainingsstättenförderung, OSP-Betreuung und Sportmedizin erhalten bleiben. So kann nämlich auch sichergestellt werden, dass es eine Grundlage für den Leistungssport gibt. Wie ein aktives Verbandsmanagement in einer Krisensituation aussehen kann, zeigt gerade der Deutsche Eishockey-Bund, der konsequent an seiner Neuaufstellung arbeitet.

Welche Versäumnisse werfen Sie dem Curling-Verband konkret vor? Medaillenlos sind in Sotschi ja nicht nur die Curler geblieben

Hörmann: Das Abschneiden in Sotschi mit der Nicht-Qualifikation der Frauen und dem letzten Platz der Männer war natürlich eine herbe Enttäuschung. Darüber hinaus müssen wir leider zur Kenntnis nehmen, dass sich seit 2009 kein Team mehr für die Junioren-WM qualifiziert hat. Dies bestätigt die vorhandenen sportstrategischen Defizite und zeigt, wie groß der leistungssportliche Abstand zur Weltspitze ist.

Daran lässt sich zudem erkennen, dass eine zeitnahe Perspektive in Richtung Weltspitze kaum gegeben ist. Deshalb war das Fazit bezogen auf den DCV konsequenterweise negativ. Mit dem BMI sind wir uns einig, das Geld der Steuerzahler nur dort einzusetzen, wo wir es guten Gewissens verantworten können.

Von den insgesamt acht Millionen Euro Projekt- und Grundförderung für den Wintersport sollen nun 400 000 Euro vom Curling auf andere Sportarten umgeschichtet werden. Welche Disziplinen werden nach den Vorstellungen des DOSB davon profitieren?

Hörmann: Wir werden die Zielvereinbarungen nach Abschluss des Prozesses auf der DOSB-Homepage veröffentlichen. Dann wird auch ersichtlich, welcher Verband wie viel Geld erhält. Derzeit ist der Prozess aber noch nicht abgeschlossen.

Entschuldigen Sie, dass ich Sie mit weiteren Vorwürfen der Curler konfrontiere: Sie stünden als ehemaliger Skiverbandspräsident dem DSV besonders nahe. Deshalb bekomme der künftig deutlich mehr Mittel. Und: Sie würden nur noch Sportarten fördern, die finanziell rentabel sind oder Olympiamedaillen abwerfen.

Hörmann: Der DSV finanziert sich als einziger Wintersportverband zu mehr als 95 Prozent selbst und bekommt wie bisher nur in wenigen Einzelbereichen öffentliche Gelder. Für den Olympiazyklus 2011 bis 2014 waren das jährlich 700 000 Euro für das Projekt 'Neue Sportarten', mit dem unter anderem Frauen-Skispringen, Slopestyle, Halfpipe und Skicross gefördert wurde.

Zudem hat der DSV konsequent entschieden, Disziplinen wie Buckelpiste nicht zu fördern, da hierfür Eigenmittel fehlen. Disziplinen, die sich selbst tragen, wie Ski alpin, erhalten keine öffentliche Förderung. An diesem bewährten System wird sich auch durch meine Präsidentschaft im DOSB nichts verändern.

Wie gelassen sehen Sie den juristischen Prüfungen des DCV entgegen, der behauptet, dass die Mittelstreichungen gar nicht den Sportförderrichtlinien entsprechen?

Hörmann: Der DOSB ist in der Funktion eines fachlichen Gutachters, da wir die Mittel nicht an die Verbände vergeben, sondern das BMI. Ich bin überzeugt, dass das Ministerium nur Förderentscheidungen trifft, die seinen eigenen Richtlinien entsprechen. Aus unserer Sicht muss aber auch jedem klar sein: die Sportförderung aus Steuermitteln ist ein Privileg und kein Recht.

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