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Dr. Klaus H. Seitz aus Kaufbeuren spricht über Symptome, Diagnose und Behandlung von Herzmuskelentzündungen

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  • Foto: Stephan Schöttl
  • hochgeladen von Heiko Wolf

Sport ist gesund und stärkt das Herz. Aber nur, wenn der Körper fit ist. Nach einer Grippe oder Virusinfektion sollten Sportler langsam ins Training zurückkehren. Sonst droht eine Herzmuskelentzündung. Und zwar unabhängig von Alter oder Leistungsfähigkeit des Sportlers.

In der Serie 'Sprechstunde' geben Allgäuer Ärzte Tipps zu bestimmten Krankheitsbildern und Verletzungen. Dieses Mal befragten wir den Kaufbeurer Kardiologen Dr. Klaus H. Seitz zur sogenannten Myokarditis.

Ich fühle mich schlapp und bin nicht mehr richtig belastbar. Woran merke ich, ob ich möglicherweise an einer Herzmuskelentzündung erkrankt bin?

Seitz: Grundsätzlich hat man einen Infekt. Sprich: Fieber, Krankheitsgefühl und Muskelschmerzen. Dazu kommen in manchen Fällen klassische Symptome wie die eines Herzinfarktes mit akuten Schmerzen in der Brust. Es ist aber auch möglich, dass man nur leicht verschnupft ist und allgemeine Krankheitssymptome aufweist, das macht das Ganze so gefährlich. Fast in allen Fällen geht aber eine virale Infektion voraus. Bei gesunden Menschen kommt eine bakterielle Infektion des Herzens so gut wie nie vor.

Welche Möglichkeiten gibt es für einen Arzt, eine Herzmuskelentzündung zu diagnostizieren oder auszuschließen?

Seitz: Die Diagnose ist nicht einfach zu stellen. Bis vor einigen Jahren war es noch nicht einmal nachweisbar, dass der Muskel direkt entzündet ist. Ein Arzt kann beim Abhören des Herzens beispielsweise ein Reibegeräusch durch eine Entzündung zwischen dem Herzbeutel und der Außenwand des Herzens feststellen. Zudem können bei einer Untersuchung durch das Labor oder im Schnelltest Eiweißsstoffe aus dem Herzen, das so genannte Troponin, im Blut nachgewiesen werden, dies erhärtet den Verdacht. Bei einem Ultraschall kann man sehen, dass der Muskel im Falle einer Entzündung träge ist und bei einem EKG können Abweichungen entstehen. Der direkte bildliche Nachweis einer Entzündung im Herzmuskel gelingt bei einer Kernspinuntersuchung, die jedoch nicht allerorts verfügbar ist.

Reicht es, wenn man sich in einem solchen Fall richtig schont oder bedarf es einer medikamentösen Behandlung?

Seitz: Eine akute Herzmuskelentzündung bedarf einer stationären Überwachung. Es können gefährliche Rhythmusstörungen auftreten, außerdem kann das Herz eine Muskelschwäche entwickeln, eine medikamentöse Therapie ist dann erforderlich. In über 99 Prozent der Fälle heilt die Virusinfektion am Herzen ohne Folgeschäden aus.

Unterschätzen denn viele Sportler eine solche Erkrankung?

Seitz: Ja, leider. Die Symptome werden meistens nicht richtig wahrgenommen. Ein leichter Infekt hält viele nicht davon ab, Sport zu treiben und weiter zu trainieren. Da ist bei vielen der Ehrgeiz zu groß. Für Freizeitsportler gilt die Faustregel: Pro Tag, an dem man mehr als 38 Grad Fieber hat, sollte man eine Woche pausieren, um sich auszukurieren. Wird dann tatsächlich die Diagnose Herzmuskelentzündung gestellt, muss ein Hobbysportler drei Monate und ein Profi sogar sechs Monate ganz pausieren.

Das sind theoretische Formeln, aber wie sieht das in der Praxis aus?

Seitz: Ich betreue beispielsweise die Profifußballer des TSV 1860 München seit 15 Jahren im kardiologischen Bereich. Auf diesem Gebiet hat sich in der vergangenen Jahren viel getan. Nach mehreren Todesfällen im Leistungssport wird das Thema im Profibereich sehr ernst genommen. Die meisten Vereine haben in ihren sportmedizinischen Abteilungen neben den Orthopäden jetzt auch Kardiologen. Ich musste schon einmal einen Kicker ein halbes Jahr aus dem Verkehr ziehen. Das wurde dem Verein ausgiebig erklärt und die Entscheidung wurde daraufhin akzeptiert. Auch wenn der Ausfall des Spielers sportlich geschmerzt hat. Anderes Beispiel: Daniel Engelbrecht von den Stuttgarter Kickers spielt nach einer Myokarditis jetzt in der dritten Liga mit einem implantierten Defibrillator.

Wie viele Menschen erkranken in Deutschland tatsächlich an einer Herzmuskelentzündung und wie häufig endet diese sogar tödlich?

Seitz: Es gibt leider kein Register indem solche Fälle erfasst werden, die Dunkelziffer ist sicher hoch. Die Diagnose einer Myokarditis wird bei einem Patienten, der sich nicht fit fühlt, nicht gleich bei der ersten hausärztlichen Untersuchung gestellt . Pro Jahr sterben aber etwa 1000 Freizeitsportler in Deutschland am plötzlichen Herztod. Bei den unter 35-Jährigen ist dafür in über einem Drittel eine Herzmuskelentzündung verantwortlich.

Gibt es bestimmte Risikogruppen? Beispielsweise eine bestimmte Altersgruppe oder Sportarten, bei denen man besonders gefährdet ist?

Seitz: Im Endeffekt zählen dazu alle Sportarten, bei denen die Intensität besonders hoch ist. Gerade nach einer Maximalbelastung des Körpers ist das Immunsystem dann besonders anfällig. Ein Beispiel: Absolviert etwa ein Marathonläufer, Triathlet oder Ruderer einen anstrengenden Wettkampf, sind die Abwehrkräfte bis zur vollständigen Regeneration anhaltend geschwächt. In dieser Phase, die wir als 'open window' bezeichnen, kann sich ein Virusinfekt dann ungehindert im Körper ausbreiten.

Kann man einer Herzmuskelentzündung denn überhaupt in irgendeiner Art und Weise vorbeugen?

Seitz: Am wichtigsten ist es, die Symptome ernst zu nehmen und die vorgegebenen Trainingspausen einzuhalten. Ein Alarmsignal ist zudem, wenn man nach einer Pause nicht mehr die vorherigen Trainingswerte erreicht. Dann sollte man dringend zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen.

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