Kempten
Dicke Luft beim FC Kempten

Der Vorhang fiel und die wichtigsten Fragen blieben offen. Auch nach einer zweistündigen, teils heftigen Diskussion auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung rätselten die Mitglieder des FC Kempten, wie es mit ihrem Club weitergehen soll. Wer übernimmt die Führung beim abstiegsbedrohten Landesligisten?

Diese Frage wird wohl auch in den nächsten Wochen für Kontroversen sorgen. Bis es Ende Februar/Anfang März in die nächste Runde geht: Dann soll die Jahresversammlung stattfinden, auf der das bisherige Führungstrio seine Ämter «definitiv» vorzeitig niederlegen will. Vorsitzender Stefan Zeiler, sein Stellvertreter Manfred Singer und Kassier Gerhard Linder bekräftigten im «Stift» ihre Rücktrittsabsichten. Zeiler übte nach drei Jahren Amtszeit auch Selbstkritik: «Wenn viel Last auf wenig Schultern verteilt ist, passieren Fehler.» Dem pflichtete Singer bei. Den im Alleingang betriebenen Rauswurf von Trainer Uwe Wegmann vor einem Jahr würden er und Zeiler «so nicht mehr machen».

Doch das ist Schnee von gestern. «Heute Abend beginnt die Zukunft», appellierte Geschäftsführer Markus Brehm vom Sponsor Allgäuer Zeitungsverlag an die Mitglieder, den Blick nach vorn zu richten. Stürmischer Applaus. Ehrenvorsitzender und Gönner Valentin Weber kritisierte indes das Finanzgebaren des Vereins. «Wo ist das ganze Geld, meine Herren?», rief er aufgebracht. Kassier Gerhard Linder konterte, dass der Club bei einer Betriebsprüfung durchs Finanzamt Ende Januar nichts befürchten müsse. Allerdings sei die Lage «angespannt.» So wurden in der Bayernliga-Saison 2007/2008 etwa 20000 Euro weniger eingenommen als geplant.

Zudem geriet das Konzert von Schlagersänger Nik P. im Rahmen der 100-Jahr-Feier zum Desaster. Nur 200 Zuschauer erschienen. Der Verein machte 30000 Euro Miese. Zeiler bedauerte, dass nicht einmal Mitglieder und Spieler zum Konzert kamen. Spieler Dominik Klement fragte indes, welches Publikum der Vorstand mit der seichten Show habe ansprechen wollen. Kritisiert wurde von Mitgliedern auch die Leistungen auf dem Platz («teils katastrophal»). Kapitän Marcus Merk warb um Verständnis: «Wir sind ein sehr junges Team. Jeder gibt alles. Wir steigen nicht ab!» In jedem Fall muss das Team laut Zeiler ab sofort finanzielle Abstriche machen. Im Vorjahr hatte die «Erste» etwa 170000 Euro - mit Abgaben, Versicherungen etc. - gekostet.

Der frühere Sportliche Leiter Herbert Hegenbart warnte davor, die sportlichen Ansprüche zurückzuschrauben. Die erste Bayernliga-Saison habe bewiesen, dass sich die Kemptener «sehr wohl mit dem FCK identifizieren können».

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Dazu ein Kommentar von Tobias Schuhwerk:

NEUE LEUTE SIND GEFRAGT

Die außerordentliche Mitgliederversammlung hat das größte Problem des FC Kempten schonungslos aufgezeigt: die interne Kommunikation. Zu lange wurde nicht mit-, sondern übereinander gesprochen.

Jetzt verschafften alle ihrem Ärger Luft. Jede Menge Polemik war dabei. Genau die hilft dem Verein jetzt aber nicht weiter. Vielmehr geht es darum, schnellstmöglich ein neues Team zu finden, das vernünftig zusammenarbeitet und den Karren aus dem Dreck zieht.

Leicht wird das nicht. Zu viel Unmut hatte sich seit der Entlassung von Uwe Wegmann vor einem Jahr angestaut.

Nicht nur «normale» Mitglieder, sondern auch verdiente Mitarbeiter wie der frühere sportliche Leiter Herbert Hegenbart oder Jugendleiter Walter Auerbacher hatten das Gefühl, dass wichtige Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen wurden. Dass der Vorstand zur «Drei-Mann-Show» verkam, wie der Vorsitzende Stefan Zeiler beklagt, hat er sich selbst zuzuschreiben. Er hat die «Basis» weder begeistert noch eingebunden.

Dennoch wäre es falsch, einseitig auf das bisherige Führungstrio einzuhauen. Allein schon aus Respekt vor der immerhin ehrenamtlich geleisteten Arbeit. Zudem hat Kassier Gerhard Linder allem Anschein nach einen vorbildlichen und transparenten Kurs eingeschlagen. Nur so kann es weitergehen beim FC Kempten.

Gefragt sind jetzt Leute, die anpacken statt zu lamentieren. Sonst droht die Abkürzung «FC» ab der Mitgliederversammlung im März eine neue Bedeutung zu bekommen: «Führungsloses Chaos.» Daran kann keinem Fußball-Freund in Kempten gelegen sein. Deshalb: Ärmel hoch!

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