Sportmedizin
Chefarzt Dr. Wolfgang Schnitzler vom Klinikum Kaufbeuren-Ostallgäu erklärt, warum ohne Knorpel kein Gelenk mehr funktioniert

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Nach unzähligen Verletzungen, zweijährigem Kampf ums Comeback und erneutem Knorpelschaden am rechten Knie blieb Christoph Preuß nur noch dieser eine Schritt: Der ehemalige Fußballprofi, der zuletzt für Eintracht Frankfurt aktiv war, beendete im Januar 2010 seine aktive Karriere. Mit gerade einmal 28 Jahren.

In unserer Serie 'Sprechstunde' geben Allgäuer Ärzte Tipps zu bestimmten Krankheitsbildern und Verletzungen. Dieses Mal befragten wir Dr. Wolfgang Schnitzler, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und orthopädische Chirurgie am Klinikum Kaufbeuren-Ostallgäu, zum Thema Knorpelschaden.

Der Knorpel spielt eine entscheidende Rolle in einem Gelenk. Welche Funktion hat er denn überhaupt?

Schnitzler: Ohne Knorpel funktioniert ein Gelenk nicht. Es ist ungefähr so, als würde man versuchen, nur auf den Felgen mit dem Rad zu fahren. Ohne Gummireifen. Der Knorpel überzieht die Gelenkknochen und hat dabei die Funktion eines schützenden Polsters. Er dämpft die Belastung des Knochens ab und soll die dauerhafte Bewegung des Gelenks garantieren.

Wie bemerkt man, dass mit dieser Knorpelschicht etwas nicht stimmt?

Schnitzler: Ein Anzeichen können Schmerzen beim Laufen oder unter Belastung sein. Gelegentlich gibt es auch Schwellungen infolge vermehrter Bildung von Gelenkflüssigkeit. Es gibt aber von Mensch zu Mensch Unterschiede. Wenn man Beschwerden hat, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass der Knorpelbelag schlecht oder weniger ist.

Was sind die häufigsten Ursachen für einen Knorpelschaden?

Schnitzler: Im Kniegelenk kann er beispielsweise durch Fehlbelastungen der Beine wie X- oder O-Beine entstehen. Dadurch kommt es zu einer einseitigen Belastung, die dem Gelenk schadet. Außerdem können auch Verletzungen im Gelenkbereich wie etwa Bänderrisse und Prellungen oder Brüche begleitend zu Knorpelschäden führen. Bei Profisportlern, die viel eher davon betroffen sind, sind meistens massive Überlastungen oder kleinere Verletzungen ursächlich, die nicht richtig auskuriert werden. Auch hier wieder ein Beispiel: Wenn ich mit dem Mountainbike durch die Stadt fahre, hält der Reifen länger als wenn ich ständig querfeldein unterwegs bin und der Reifen damit mehr Belastung ausgesetzt ist.

Wo tritt ein solcher Knorpelschaden in den meisten Fällen auf?

Schnitzler: Im Bereich des unteren Bewegungsapparates, weil dieser durch das Laufen am meisten belastet ist. Sprich: am Knie, an der Hüfte oder am Sprunggelenk.

Wie fällt ein Arzt die entsprechende Diagnose?

Schnitzler: Die Gelenke werden untersucht. Etwa auf Schmerzen bei bestimmten Bewegungen. Ein Röntgenbild ist notwendig, auch wenn der eigentliche Knorpel darauf gar nicht erkannt werden kann. Aber man erhält dadurch indirekte Hinweise. Eine sichere Diagnose wird meistens nach einer Kernspintomografie gestellt.

Ist denn mit einem Knorpelschaden gleichzeitig auch die sportliche Laufbahn beendet oder zumindest eingeschränkt?

Schnitzler: Es hängt immer von mehreren Komponenten ab. Wie groß ist der Schaden des Knorpels? Befindet er sich im Hauptbelastungsbereich? Wie fortgeschritten ist die Abnutzung? Ist noch Knorpel vorhanden oder liegt der Knochen schon frei? Sind die Bänder stabil? Je nach Schwere werden Knorpelschäden in vier Grade unterteilt.

Gibt es Möglichkeiten, um eine Operation herumzukommen, oder ist das quasi der letzte Ausweg?

Schnitzler: Die Behandlungsmöglichkeiten eines Knorpelschadens hängen davon ab, wie fortgeschritten er ist. Für tiefergehende Schäden gibt es verschiedene operative Methoden. Zum Beispiel die Knorpelzelltransplantation. Dabei wird körpereigener Knorpel entnommen, in einem Labor weiter gezüchtet und einige Wochen später in den Knorpeldefekt eingepflanzt. Die Qualität dieses transplantierten Knorpels ist sehr hoch. Je nach Sportart muss aber mit einer Pause mit bis zu einem Jahr gerechnet werden, um den neuen Knorpel absolut sicher einheilen zu lassen.

Aber geht es nicht auch auf konservative Art und Weise?

Schnitzler: Bei kleineren und oberflächlichen Knorpelschäden auf jeden Fall. Bei der konservativen Behandlung kommt hauptsächlich die Physiotherapie zum Einsatz, um Muskeln aufzubauen und die Koordination zu trainieren. Auf dem Markt sind auch diverse Nahrungsergänzungsstoffe. Aber es gibt bis dato noch kein Medikament, das den Knorpel wieder aufbauen kann. Wissenschaftliche Studien haben hierzu keinen Wirkungsnachweis erbracht.

Gibt es bestimmte Sportarten, bei denen die Akteure besonders gefährdet sind?

Schnitzler: Im Endeffekt ist das bei allen Sportarten der Fall, bei denen die Beine besonders übermäßig unter Last beansprucht sind. Also zum Beispiel beim Laufen oder Skifahren, aber auch bei Kontaktsportarten wie Fußball, Eishockey oder Handball, bei denen häufige unkontrollierte Lasten auf die Gelenke wirken.

Kann man einem Knorpelschaden denn überhaupt vorbeugen?

Schnitzler: Ja, das kann man. Ein gut trainiertes Gelenk und eine funktionierende Muskulatur sind praktisch Grundvoraussetzungen. Dadurch kann man die Verletzungsanfälligkeit minimieren. Ein wichtiger Faktor ist auch das ' Nicht zu viel'. Das Körpergewicht sollte nicht erhöht sein. Umgekehrt beugt regelmäßige vernünftige Bewegung bis ins hohe Alter Knorpelschäden vor.

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