Allgäu
Wenn Leuchtstifte krank machen

Alleine im Wald geht es ihr gut. Dort sind keine Menschen und Dinge, die chemische Stoffe an oder in sich tragen. Denn Chemikalien machen sie krank. Seit zehn Jahren leidet eine Oberallgäuerin an MCS - Multiple Chemical Sensitivity (vielfache Chemie-Unverträglichkeit). Schon Duftstoffe in Cremes, getragen von anderen Personen, lösen bei ihr Reaktionen wie Schwindel aus.

Gegenüber unserer Zeitung will die Frau anonym bleiben. Aber es ist ihr «ein Anliegen, Betroffenen die Möglichkeit zum Austausch zu geben». Deshalb will sie ein offenes Treffen initiieren. Das einzige im Allgäu, sagt sie. Die MCS-Selbsthilfegruppe Kempten gebe es seit circa fünf Jahren nicht mehr. Die nächsten sind in Ulm und Augsburg.

Wie viele Menschen im Allgäu an MCS leiden, weiß Dr. Kurt Müller - unter anderem Vorsitzender der Europäischen MCS-Fachgesellschaft - nicht. Eine systematische Erfassung gebe es in Deutschland nicht. Zudem würden MCS-Kranke oft gegen psychosomatische Krankheiten behandelt.

«Es gibt wenig Ärzte, die Richtung MCS denken», so die betroffene Frau. Auch bei ihr sei anfangs nach vielem gesucht worden. Erfasst ist aber laut Umweltmediziner Müller, dass circa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung auf einzelne chemische Stoffe und drei bis vier Prozent sehr sensibel auf Chemie reagieren. «Das gilt als Volkskrankheit», so der Kemptener Arzt. Die Tendenz sei wie bei Allergien steigend.

Kulturübergreifend gleich

«MCS ist eine entzündliche Krankheit. Das Krankheitsbild ist kulturübergreifend gleich. Das unterscheidet sie von psychosomatischen Erkrankungen», sagt Müller. Das heißt: Einem Europäer schlägt die Psyche vielleicht eher auf den Magen wo ein Asiat Kopfweh bekommt. Bei MCS ist beiden übel.

Ob die Krankheit anerkannt ist? Das beantwortet Müller mit Gegenfragen: «Wer erkennt an? Auch Heuschnupfen war lange nicht anerkannt. Über MCS gibt es Studien. Macht man das über eine Krankheit, die nicht anerkannt ist?» Allerdings habe eine Nation, in der Chemie eine große Rolle spielt, wenig Interesse an solchen Krankheiten und ihrer Erforschung. Es gebe derzeit keine Institutionen für die Behandlung MCS-Kranker, keine Risikoerfassung und keine ambulante Betreuung. «Die Krankenkassen zahlen Behandlungen nicht», kritisiert der Mediziner.

Was es jedoch gibt, sind die Probleme der Patienten: «Man ist total eingeschränkt, kommt kaum unter Leute», sagt die 45-Jährige. Ihr Partner verließ sie, ebenso wie viele Freunde. «Manche haben gesagt, die spinnt. Andere wollten nicht auf Duftstoffe in meiner Nähe verzichten», nennt sie Gründe.

Zur sozialen Isolation kommen oft Arbeitslosigkeit und sozialer Absturz. Dabei sind MCS-Patienten auf teurere Bio-Lebensmittel angewiesen. Viele brauchen wie die Oberallgäuerin auch in anderen Bereichen ökologische Produkte, weil alltägliche Dinge - wie handelsübliche Leuchtstifte - sie krank machen.

Das offene Treffen findet zum ersten Mal am 3. März, 9.30 bis 11 Uhr im Bistro Orange, Fischersteige 6, in Kempten statt. Die Betroffenen sind dort unter sich. Das Bistro ist regulär noch geschlossen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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