Opfenbach
Über Umwege zur Kunst

Ein Wohnzimmer gibt es bei Jung-Wiesenmayers in Opfenbach nicht mehr. Zwar sind da noch das Sofa, der Fernseher, Bücherregale. Aber einen Gutteil des Raumes hat die Kunst erobert. Handwerkszeug liegt auf dem kleinen Tisch - Bohrmaschine, Hammer, Schere, Stemmeisen. Auf dem Boden eine Fritteuse zum Schmelzen von Wachs. Und da stehen die Kunstwerke, an denen die Hausherrin gerade arbeitet: Kleider aus Wachs und Bilder aus Stein.

Leben und Arbeiten verschmelzen bei Silvia Jung-Wiesenmayer in diesen Wochen noch mehr als sonst. Sie und ihr Mann beherbergen in dem Haus am Ortsrand mit idyllischem Blick auf den Wald vorübergehend eine befreundete Familie. Also müssen alle zusammenrücken - und das Wohnzimmer wandelte sich zum Atelier.

Hier arbeitet sie manchmal fast wie eine Besessene. Vor allem dann, wenn sie etwas «piesackt», wenn das, was sie in sich sieht und fühlt, in ein Kunstwerk übergehen muss, wenn sie spielen und experimentieren will. «Ich lasse einfach heraus, was mich beschäftigt.»

Eine erfolgreiche Tätigkeit. Wohl keine andere Allgäuer Künstlerin hat in den vergangenen Jahren so viele gewichtige Preise eingeheimst wie die 43-Jährige. 2004 erhielt sie den Förderpreis der Festwochen-Ausstellung in Kempten, 2008 und 2009 wurde sie bei der Ostallgäuer Kunstausstellung in Marktoberdorf ausgezeichnet. Die Bayerische Staatsgemäldesammlung kaufte har eine ihrer dort gezeigten Filzarbeiten.

Silvia Jung-Wiesenmayer scheint sich in der Allgäuer Szene ganz oben etabliert zu haben. Der Weg dorthin verlief allerdings kurvig. Als sie 16 war, wollte sie Steinmetzin werden. «Aber alle lachten mich aus», erinnert sie sich. «Eine zierliche Frau in diesem Beruf - das ging nicht.

» Sie verließ ihre Heimat, das Altmühltal, ging nach Immenstadt, machte eine Ausbildung zur Hotelfachgehilfin, heiratete, bekam zwei Kinder.

Als ihre Tochter noch nicht einmal drei Jahre alt war, verwirklichte sie ihren einstigen Wunsch doch noch: Sie wurde Steinmetzin. Aber das reichte ihr nicht. 1999, Silvia Jung-Wiesenmayer war gerade 33 Jahre alt geworden, bewarb sie sich bei der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart über die Begabtenförderung. Mit Erfolg. Fünf Jahre studierte sie freie Bildhauerei, besuchte Video- und Performanceklassen. Eine intensive und anstrengende Zeit, schließlich musste sie nebenher zwei Kinder großziehen und eine Trennung bewältigen. Sie pendelte zwischen dem Allgäu und Stuttgart, schlief bisweilen in der Akademie auf Sofas.

Kaum war sie 2004 fertig, gründete sie in Immenstadt zusammen mit Stefan Winkler und Max Ellhart eine Künstlergruppe. Zudem übernahm sie die Leitung des Kemptener Künstlerhauses. Es waren experimentelle Projekte und verrückte Ausstellungen, die Silvia Jung-Wiesenmayer in diesen Jahren organisierte. Wenn sie davon erzählt, lacht sie immer wieder mal. «Ich bin niemand, der Sicherheit braucht.» 2005 zog sie nach Opfenbach/Westallgäu.

Arbeit mit dem Sandstrahler

Mit dem Behauen von Stein fing sie einst an, aber im Laufe des Studiums und der Jahre danach entdeckte sie immer neue Materialien für sich. Materialien, die ganz anders zu bearbeiten sind, als der harte Stein: Wachs, Wolle, Garn, Papier. Silvia Jung-Wiesenmayer liebt die Gegensätze, das Spielerische und auch das Doppelbödige.

Ungern lässt sie sich festlegen - auch wenn ältere Kollegen ihr immer wieder raten: «Bleib doch bei einer Sache!»

Auch derzeit arbeitet sie an entgegengesetzten Polen. Am einen Tag häkelt sie puppengroße Kleider, taucht sie in geschmolzenes Wachs und formt sie. Am anderen Tag schleppt sie gemäldegroße Steinplatten in die Werkstatt ihres Mannes und holt mit dem Sandstrahler in einer komplizierten Abfolge von Arbeitsschritten Szenen aus dem harten Material, die real und irreal zugleich sind. Für solch ein raffiniertes und gleichwohl leises Werk erhielt sie im vergangenen Jahr den Hauptpreis bei der Ostallgäuer Kunstausstellung.

Seit die Kinder nicht mehr im Haus sind, kann sich Silvia Jung-Wiesenmayer zwar mehr der Kunst widmen, aber nicht von ihr leben. Deshalb muss sie - wie die meisten anderen Künstler im Allgäu - einem Brotberuf nachgehen. Dreimal pro Woche fährt sie nachmittags nach Weiler, um mit Schulkindern pädagogisch zu arbeiten. Doch eigentlich will sie sich viel mehr ihrer Kunst widmen - und sei es im Wohnzimmer.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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