Kempten
Kemptener Historiker zweifelt Alter des Heimatbundes Allgäu an

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Wie alt ist der Heimatbund Allgäu - 125 Jahre oder «nur» 61 Jahre? Um diese Frage ist in den vergangenen Wochen und Monaten ein Streit zwischen Allgäuer Geschichtsforschern entbrannt. Die Front verläuft zwischen dem Kemptener Historiker Dr. Franz-Rasso Böck und dem Kemptener Heimatverein auf der einen Seite und dem Heimatbund Allgäu mit seinem Geschichtsbeauftragten Dr. Hilmar Sturm auf der anderen.

Beide Organisationen feierten vergangenes Jahr ihr 125-jähriges Bestehen - im Mai der Heimatverein Kempten, im August der Heimatbund Allgäu, die Dachorganisation der Allgäuer Heimatvereine. Beide berufen sich auf das Gründungsjahr 1884. Damals riefen Heimatfreunde in Kempten den «Alterthumsverein Kempten» ins Leben. Der Heimatbund sieht seine Wurzel in diesem Verein und feierte deshalb 2009 das Jubiläum «125 Jahre».

«Das ist historisch und vereinsrechtlich falsch», behauptet nun der Kemptener Historiker Böck. Der Heimatbund Allgäu als Dachorganisation vereinnahme fälschlicherweise die Geschichte des Heimatvereins Kempten. Laut Böck wurde der Heimatbund 1948 gegründet, ist also erst 61 Jahre alt. Der Heimatbund könne folglich kein 125-jähriges Bestehen feiern, sondern sich allenfalls auf eine 125-jährige Tradition berufen.

Genau das tut der Heimatbund - allerdings mit einem anderen Schluss. Wie der Heimatbund-Historiker Hilmar Sturm erklärt, sei der Alterthumsverein Kempten (der seinen Namen mehrmals änderte und ab 1938 «Heimatdienst Allgäu» hieß) der «Stamm» gewesen, aus dem 1948 zwei Äste erwuchsen: einerseits der Heimatverein Kempten, andererseits der Heimatbund Allgäu. Außerdem habe der Ursprungsverein schon früh den Anspruch gehabt, fürs ganze Allgäu zu sprechen. Auch Heimatbund-Chef Karl Stiefenhofer (Eglofs) sieht seinen Verein in dieser Traditionslinie. «Alles andere sind Haarspaltereien.»

Akten genau angeschaut

Wer die vereinsrechtliche Seite betrachtet, muss ins Jahr 1948 zurückblicken. Franz-Rasso Böck nahm aufgrund der Recherchen unserer Zeitung die Akten im Stadtarchiv Kempten noch einmal genau in Augenschein. Demnach kamen am 23. Februar 1948 in Kempten die Protagonisten des früheren Kemptener «Heimatdienstes», Dr. Otto Merkt und Dr. Alfred Weitnauer, mit anderen Kemptener und Allgäuer Heimatfreunden zu einer - wie es wörtlich heißt - «sogenannten Gründungsversammlung» zusammen.

Laut Böck sei das keine Neu- oder Wiedergründung des Heimatdienstes gewesen. Vielmehr sollte sie im Rahmen einer notwengien Lizenzierung durch die amerikanische Militärregierung die «Handlungsfähigkeit des schon eingetragnenen Vereins Heimatdienst Allgäu wiederherstellen».

Merkt und Weitnauer wollten demnach vom örtlichen Heimatverein aus die anderen Allgäuer Heimatvereine steuern ohne formell einen Dachverband zu gründen. Es habe sich aber herausgestellt, dass dies organisorisch nicht funktioniere und von der amerikansichen Militärregierung nicht gern gesehen wurde.

Um alle Unklarheiten zu beseitigen gründeten sie deshalb am 18. November 1948 den Ortsverein neu. Und am 7. Dezember 1948 riefen Weitnauer und Merkt den Dachverband der Allgäuer Heimatvereine ins Leben (dem auch der Ortsverein Kempten beitrat). Das ist laut Historiker Böck eindeutig die Geburtsstunde des Heimatbundes Allgäu.

Runder Tisch geplant

Dieses Gründungsdatum bestätigt auch die Historikerin Martina Steber - pikanterweise in der Jubiläums-Publikation des Heimatbundes Allgäu zum 125-jährigen Bestehen. In ihrem Aufsatz «Auf der Suche nach der ,Allgäuer Heimat» schreibt Steber: «Die schnelle organisatorische Erholung des heimatschützerischen Engagements im Allgäu manifestierte sich in der Gründung des ,Heimatbundes Allgäu im Jahre 1948.»

Derzeit sind die Fronten zwischen Heimatbund Allgäu und Heimatverein Kempten verhärtet. Doch es gibt auch erste Anzeichen von Friedensverhandlungen. Heimatbund-Vorsitzender Karl Stiefenhofer will in den nächsten Wochen die Historiker und Vorsitzenden an einen Tisch bitten, um eine Lösung zu finden, die alle akzeptieren können, kündigte er gegenüber unserer Zeitung an.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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