Nesselwang
Er trifft den Nerv der Leute

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«Grüß Gott, i bin dr Ludwig.» Wer ins Haus von Ludwig Hindelang tritt, verlässt die Welt des distanzierten «Sie». Hier, am Ortrand von Nesselwang, unterhalb der Alpspitze, herrscht ein kameradschaftliches Allgäuer «Du». Und hier wird Dialekt gesprochen. Weil Ludwig Hindelang so eine Art Nesselwanger Urgestein ist. Und weil der 77-Jährige seine Heimat, die Berge vor der Haustür, die heimische Volksmusik und die Mundart liebt.

Mit der Musik und der Sprache hat sich Ludwig Hindelang besonders angefreundet. Seit sechs Jahrzehnten spielt er Akkordeon, begleitete viele Jahre die Plattler des Nesselwanger Trachtenvereins «Alpspitzler». Neuerdings hat er sich ein Schweizer Örgele (Knopfakkordeon) zugelegt und auch eine Akkordzither.

Jodeln mit Ehefrau Luise

Das Musizieren, vor allem im Duo mit seiner Frau Luise (73), hat ihn im Musikleben des Ostallgäuer Dorfes zu einem Original gemacht. Noch heute treten die beiden regelmäßig auf - in Wirtshäusern, Hotels und Reha-Kliniken. Auch für den Gast in seinem Haus schnallt er sich gerne das Hohner-Akkordeon um und gibt zusammen mit seiner Luise spontan ein zweistimmiges Lied und einen Jodler zum Besten. Es wird schnell klar: Da harmonieren zwei Menschen. «Wir sind ein eingespieltes Team», sagt Luise Hindelang, und Ludwig nickt dazu.

Fünftes Buch erschienen

Eine andere Begabung hat Ludwig Hindelang weit über Nesselwang hinaus bekannt gemacht: das Schreiben. Gerade ist sein fünftes Büchlein auf den Markt gekommen. «A guets Weib isch a Gottesgab» heißt es, erschienen im Brack-Verlag Altusried. Wie die Vorgänger-Werke versammelt es unzählige Witze, Sinnsprüche, Schüttelreime und Anekdoten, teils in Hochdeutsch, teil in Mundart.

Diesmal dreht sich alles um Frauen (und ihre Beziehung zu Männern). Der Humorist und Verseschmied Hindelang tischt nette Lebensweisheiten auf, gute Witze, aber auch derbe Kalauer und Klischees (Kostproben im extra Artikel). Das wird offenbar gern gelesen. Insgesamt hat Hindelang über 30000 Bücher abgesetzt. «Er ist einer unserer meistverkauften Autoren», sagt Willi Wöhrle vom Brack-Verlag. «Offenbar trifft er den Nerv der Leute.»

Was in den Büchern steht, hat Hindelang nicht selbst erfunden. Hindelang ist ein Sammler, der seit Jahrzehnten zusammenträgt, was er von den Leuten erzählt bekommt, was er irgendwo aufschnappt oder liest. Vorgetragen hat er seine Verse, Gedichte und Geschichten oft. Aber erst 1998, ein Jahr, bevor der damalige Schreiner in Rente ging, ließ er sich von einem anderen Ostallgäuer Mundartautor, Georg Ried, davon überzeugen, ein Büchlein herauszugeben. «Es geit nix gsünders, als sich kranklache» schlug auf dem Allgäuer Buchmarkt selten gut ein: 16500 Mal ging das Werk bisher über den Ladentisch. «Das ist sagenhaft gelaufen», freut sich Hindelang noch heute.

Kampf mit Depressionen

Grund zur Freude hatte er nicht immer. Unvermittelt kommt er auf den Fußballtorwart Robert Enke zu sprechen, der sich vor einigen Wochen selbst tötete. «Ich kenne diese Situation», sagt Hindelang, wobei die Falten in seinem Gesicht noch tiefer werden und die Augen ein wenig feucht. In den 1970er Jahren plagten ihn plötzlich Herzbeschwerden - und mit ihnen kamen Depressionen samt Zukunftsängsten und Schuldgefühlen. «Ich habe sie überwunden, dank meiner Familie, der Landschaft, dem Sport und der Schulmedizin», sagt er. 2004 sei er nochmals heimgesucht worden.

Drei Jahre musste er kämpfen. Jetzt geht es ihm wieder gut. So kann er unbeschwert ins Reine schreiben, was er so hört und sammelt. Das tut er immer frühmorgens, weil er nicht lange schlafen kann. Dann steht Hindelang auf, geht hinunter in den Kellerraum mit den Schuhen und der Ölheizung, wo er sich einen kleinen Schreibtisch eingerichtet. Er greift zu einem leeren Blatt Papier und einem Kugelschreiber. Tagsüber, sagt er, habe er keine Zeit mehr für die Texte. Da muss er mit seiner Frau schwimmen, wandern, Ski fahren - oder Musik machen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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