Sonthofen
Der Volleyball-Familienbetrieb

Wenn das Kribbeln beginnt, und der Druck immer größer wird, dann lässt Andreas Wilhelm (40) vorsorglich Dampf ab: Der Trainer der Sonthofer Bundesliga-Frauen schwitzt sich wenige Stunden vor jedem Heimspiel in der Sauna des «Wonnemar»-Bades die Anspannung aus dem Leib. «Anders würde ich das nicht packen und wäre sofort auf 180», begründet der frühere Bundesligaspieler seine rituelle Auszeit zwischen Aufguss und Liegestuhl.

Mit der Ruhe ist es schnell vorbei, sobald in der Allgäu-Halle der erste Aufschlag übers Netz flattert. Dann wird Wilhelm zum Alpen-Vulkan, der Mannschaft und Publikum mitreißt - auch wenn die Lage noch so aussichtslos erscheint. Er schreit, klatscht, jubelt, leidet. Vor ihm auf dem Feld geht es um mehr als nur um Punkte. Es geht um das Erbe seines Vaters Heribert. Der Allgäuer Volleyball-Pionier und Abteilungsgründer starb im Juni 2008 nach mehrjährigem Alzheimer-Leiden im Alter von 67 Jahren.

«Ohne ihn wäre das alles hier nicht möglich. Daran denke ich vor jedem Spiel», sagt Andreas Wilhelm, der das Allgäu-Team Sonthofen in der dritten Bundesliga-Saison einmal mehr vor dem Abstieg bewahren will. Dafür gibt Wilhelm, der in München lebt und kurioserweise beim ASV Dachau als Geschäftsführer arbeitet, Woche für Woche Vollgas.

Sonthofen ist ihm zur Herzensangelegenheit geworden. Als sein Vater schwer erkrankte, fuhr er an den Wochenenden häufig in die Heimat - und entdeckte die Liebe zu seinem alten Verein aufs Neue. 2005 übernahm er die Zweitliga-Frauen und feierte mit ihnen zwei Jahre später den Aufstieg.

Für die Spielerinnen ist er ein «super Trainer» (Kapitän Lina Meyer), für Fans und Vereinsführung Fels in der Brandung. «Andi hat bei uns einen Vertrag auf Lebenszeit», sagt Manager Hubert Graf (52). Volleyball ohne den Namen Wilhelm - das kann sich niemand in Sonthofen vorstellen. Zumal Andreas Wilhelm den besten Verbündeten hat, den er sich vorstellen kann: Bruder Christian (36) koordiniert den Nachwuchs mit 75 Jugendlichen und 21 Übungsleitern.

Triumphzug endet mit Aufstieg

Der frühere Jugend-Nationalspieler war es auch, der Volleyball in Sonthofen Richtung Professionalisierung trimmte. Erst führte er als blutjunger Spielertrainer die Männer 1997 in die 2. Liga. Dann übernahm er mit 24 Jahren die Frauen in der Landesliga und marschierte mit ihnen in sechs Jahren bis hinauf in die zweite Liga, wo sie auf Anhieb auf Platz fünf landeten. Ein Jahr später zog sich Christian Wilhelm zurück, um im Jugendbereich für einen Neuaufbau zu sorgen - und so war es 2007 schließlich sein Bruder Andreas, der den Triumphzug mit dem Aufstieg in die Bundesliga krönte. Die Rollen der Geschwister sind klar verteilt: «Andi gibt die Richtung vor. Ich ordne mich unter», sagt Christian. Das Ganze habe Vorrang vor persönlichen Befindlichkeiten.

Genauso hat es Heribert Wilhelm vorgelebt. Der Abteilungsgründer, nach dem vor Kurzem die Turnhalle neben dem Eisstadion benannt wurde, packte an, wo er gebraucht wurde. Obendrein besaß er ein feines Gespür für Menschenführung: Faulenzern machte er Dampf, vermeintlichen Überfliegern stutzte er die Flügel. Er konnte schimpfen wie ein Rohrspatz und wenig später als Versöhner überraschen. Dann guckte er mit einem verschmitzten Lächeln unter den Gläsern seiner Brille hervor, von der manche bis heute behaupten, sie sei rosarot gewesen, wenn es um «seinen» TSV Sonthofen ging.

«Er war der Übervater des Volleyballs in Sonthofen», sagt Peter Rothe, der heute im Management mithilft. Nur an einem Spieler biss sich Heribert Wilhelm, den alle Harry nannten, die Zähne aus: Seinen Sohn Christian trainierte er in der B-Jugend nur ein Jahr lang. «Das war grausam», erinnert sich Christian schmunzelnd an das Aufeinandertreffen zweier Sturköpfe. Viele Jahre später sieht er den Vater heute als Vorbild. «Der Papa hat für Harmonie und Ausgleich gesorgt. Das brauchen wir weiterhin. Sonst ist die Bundesliga in einer kleinen Stadt wie Sonthofen unmöglich.»

Ein Aus für den südlichsten Bundesligisten wünscht sich nicht einmal die Konkurrenz: «Sonthofen gehört in diese Liga», sagte kürzlich Jürgen Treppner, Trainer des Köpenicker SC, dem es «fast ein bisschen leidtat» mit einem 3:2-Sieg den Sonthofern vor deren treuem Publikum die Punkte zu entführen. Trotz Negativserie (elf Niederlagen, ein Sieg) kommen noch immer 800 Zuschauer zu den Heimspielen.

Nachwuchs gesichert

Vor den Bundesligapartien mit Trainer Andreas tritt inzwischen die zweite Mannschaft mit Trainer Christian an. Der Amtmann im Notardienst hat sie in seiner Freizeit in sechs Jahren von der Kreisklasse bis an die Spitze der Bayernliga geführt. «Der Unterbau steht bereit», freuen sich die Wilhelm-Brüder. Auch in der Familie ist der Nachwuchs gesichert. Christian wurde vor wenigen Wochen Vater einer Tochter.

Sie heißt Mila, wie der Star in einer gleichnamigen Volleyball-Zeichentrickserie. Großvater Heribert wäre bestimmt stolz.

Das Allgäu-Team Sonthofen empfängt heute (Sa., 19 Uhr) Schlusslicht Lohhof in der Allgäu-Halle.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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