Lehrermedientag
Allgäuer Zeitung macht Pädagogen mit Mechanismen und Gefahren des Internets vertraut

Die Gefahren im Netz zu erkennen und richtig mit ihnen umzugehen, ist für viele Menschen schwierig – erst recht für Schüler. Genau hier setzte eine besondere Fortbildung an, die unsere Zeitung jetzt für 50 Pädagogen im Allgäuer Medienzentrum in Kempten anbot. Anlass war der erste bayerische Lehrermedientag.

Das Internet holt die weite Welt mit wenigen Klicks auf Rechner, Tablets und Smartphones. Das eröffnet unzählige Möglichkeiten, doch der gewaltige Datenstrom hat auch Schattenseiten: Meinungsmache, Falschmeldungen (Fake News) und Hassbotschaften lauern immer wieder im Netz. Und ob man es will oder nicht: Internet-Dienste wissen mehr über jeden einzelnen Nutzer, als diesem lieb ist.

Die Beispiele, die Michael Schmid (Leiter Online und Mobile) und Stephan Michalik (Redaktion Onlineportal allgaeu.life) den Lehrern verschiedenster Schularten präsentierten, hatten es in sich. Da war das 2016 im Netz verbreitete Gerücht, dass im Oberallgäuer Durach Flüchtlinge angeblich Hunde einfingen, um sie zu schlachten. 'Das war absoluter Blödsinn, da steckte kein Funke Wahrheit dahinter', erläuterte Michalik. Seine Reaktion damals: Ein sorgfältig recherchierter Beitrag, der die 'Fakten' als übles Fantasieprodukt entlarvte.

Haarsträubend auch ein WhatsApp-Kettenbrief, in dem ein junger Unterallgäuer als Hacker denunziert wurde. Die Kurznachricht mit vollem Namen und Telefonnummer des Mannes warnte vor jeglicher Kontaktaufnahme. Andernfalls würde ein Virus die Handyfestplatte zerstören und sich durch sämtliche Kontaktdaten 'fressen'.

Die Nachricht, von Freunden des Mannes als Scherz initiiert, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. 'Es begann eine regelrechte Hexenjagd, es gab sogar Morddrohungen', sagte Michalik. Die Folgen des Kettenbriefs belasteten den Betroffenen noch heute.

Doch warum verbreiten sich Schmutz, Lügen und verstümmelte Nachrichten so rasant im Netz? 'Heute kann jeder ein Sender sein und rund um die Uhr Tausende Menschen erreichen', sagte Schmid. Der Wahrheitsgehalt werde im Netz kaum hinterfragt, noch dazu wo sich viele Nutzer nur oberflächlich an Überschriften und Schlagworten entlang hangelten. 'Und natürlich ist ein Fake populärer als die Aufklärung.'

Hinzu komme der 'Filterblaseneffekt': Algorithmen sozialer Netzwerke spielen Nutzern gezielt Inhalte zu, die zu deren Aktivitäten im Netz passen. So werden eigene Ansichten verstärkt und Gegensätzliches ausgeblendet.

Wirksamstes Gegenmittel für jeden einzelnen, neben den Verifizierungsmöglichkeiten im Netz (Infoblock): der kritische Blick und der gesunde Menschenverstand. 'Wir müssen uns einfach fragen: Ist die Quelle glaubwürdig? Und kann das wirklich stimmen, was da behauptet wird?', sagte Schmid. Doch genau das ist nach Ansicht vieler Lehrer das Problem: 'Für Schüler ist die Wahrheit im Netz schwer zu erkennen, gerade im Grundschulalter', gab Nicole Wick von der Grundschule Pforzen (Ostallgäu) zu bedenken.

Tipps und Fakten

  • Etwa 30 Prozent der an der Fortbildung teilnehmenden Lehrer nutzen soziale Medien, etwa 25 Prozent Streamingdienste.
  • Mit etwa 1,9 Milliarden Nutzern weltweit (Stand Anfang 2017) rangiert Facebook bei den sozialen Medien nach wie vor mit weitem Abstand vorne. Auf Platz zwei folgen WhatsApp und Facebook Messenger (jeweils 1 Milliarde).
  • Instagram kommt auf 600 Millionen Nutzer, Twitter auf 317 und Snapchat auf 300 Millionen.
  • Pro Minute werden weltweit im Schnitt 156 Millionen E-Mails und 16 Millionen Textnachrichten verschickt.
  • 4,1 Millionen Videos werden pro Minute über YouTube abgespielt, die Zahl der Google-Suchanfragen beträgt 3,5 Millionen.
  • Bei Zweifeln am Wahrheitsgehalt von Internet-News hilft die Verifizierungsplattform mimikama.at Dort lassen sich Inhalte prüfen, zudem finden sich aktuelle Warnungen vor dem gezielten Abgriff sensibler Daten (Phising) sowie vor Schadsoftware (Malware). Beim Erkennen manipulierter Bilder hilft zudem die Google-Reverse-Suche , bei der fragwürdige Fotos hochgeladen werden können.

Auch Eltern hätten es da schwer. 'Denen glauben die Kids bei diesen Themen nicht.' Vielen Kollegen aus der Seele sprach ein Oberallgäuer Schulleiter: 'Ich bin mit dem PC groß geworden, trotzdem fühle ich mich abgehängt.' Umso wichtiger fand es Dieter Schwarz, VHS-Dozent und ehemaliger Gymnasiallehrer aus Memmingen, dass Pädagogen bei Fortbildungen über Trends und Gefahren informiert würden.

Das gelte auch für die Spuren, die jeder Nutzer im Netz hinterlasse und die für verschiedenste legale und illegale Zwecke genutzt würden. Egal ob Facebook-Profil oder Bewegungsmeldungen des Smartphones – kaum ein Detail bleibe verborgen. Hier riet Schmid, private Daten in sozialen Netzwerken nicht leichtfertig preiszugeben und über die persönlichen Einstellungen den Kreis der Nutzer einzuengen. Das sei kein Allheilmittel, erschwere aber den Datenmissbrauch, ob es nun um Werbung oder betrügerische Gewinnversprechen gehe.

Redaktionsleiter Uli Hagemeier hatte zuvor auf die wichtige Rolle seriöser Medien in Zeiten von Fake-News verwiesen. Dem reißerischen Vorwurf der 'Lügenpresse' stellte er entgegen: 'Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien ist streng genommen eine Demokratiekrise.'

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