Kempten
Zwischen Lebenslust und Tod

Was wissen wir wirklich über den Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern? Einige Informationen bekommen wir in den Nachrichten, die aber meist nur knappe, stereotype Bild-Mitteilungen bleiben. Am Tag der Deutschen Einheit (!) konnten sich Besucher des Theaters in Kempten über das Leben in Palästina ein Bild aus erster Hand machen. Die Allgäuer Initiative Palästina-Israel und der Weltladen hatten acht Schauspielschüler des Freedom Theatre aus Jenin eingeladen.

Man kennt diese Stadt nur unter der Bezeichnung Flüchtlingslager. Wie hart, entbehrungsreich und gefährlich dieser Ort ist, wie perspektivarm auch gerade für Jugendliche, zeigten sechs Männer und zwei Frauen in einer Reihe von selbst entwickelten Szene. Fröhliche, vitale Rhythmen werden von einem martialischen Aufmarsch zerstört, freie Tänze enden in bedrohlicher Enge. Der Tod von Freunden, Streit und Denunziation unter Frauen, die öffentliche Bestrafung einer Geliebten - all diese Momente erzählen Erlebtes und Beobachtetes aus dem Alltag der jungen Schauspieler.

Die Episoden «Fragments of Palestine» stellen jedoch auch Erwartungen bewusst antiideologisch auf den Kopf. Man sieht einen Märtyrer, der nicht feierlich begraben werden, sondern wieder leben möchte, Menschen, die nach ihrem Tod nicht verstummen wollen, zu singen beginnen und sich geräuschvoll ins Leben zurückmelden.

Die weiße, einheitliche Kleidung ermöglicht den Wechsel zwischen den Rollen von Opfer und Täter. Gut und böse, richtig und falsch sind nicht festgelegt. Es werden keine Lösungen angeboten. Die Schauspieler vermitteln ihre Sehnsucht nach einem Leben ohne Gewalt überzeugend, fast ganz ohne Sprache, ohne große Gesten, nur durch ihre Vitalität und ihr kraftstrotzendes, leidenschaftliches und lebensbejahendes Zusammenspiel.

Das zahlreiche Publikum honorierte die beeindruckende und berührende Vorstellung mit lang anhaltendem Beifall. Auch das Publikumsgespräch erregte großes Interesse. Fast alle Zuschauer blieben zum Gedankenaustausch. Dabei wurde deutlich, dass sich das Freedom Theatre aus der Suche nach Halt, aus Protest und unter dem Willen zur Veränderung formiert.

Dieser Wunsch bleibt nicht reiner Gedanke, Proklamation oder gestenreiche Rhetorik, sondern ist als Überlebensnotwendigkeit bis in die Nervenenden der Körper zu spüren. Theater kann so eine Basis für Gemeinsamkeit, für Bildung, und eine Kultur ohne Schuldzuweisung sein.

Das Ensemble hat diesen Ansatz mit wenigen und fundamentalen Mitteln des Theaters überzeugend und mitreißend vorgelebt und machte diese Begegnung zu einem starken Erlebnis.

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