Jazzfrühling
Zwischen Jazz und Hip-Hop

Der Kemptener Jazzfrühling ist schon lange den Ruf los, ein bloßes Fingerschnipp-Festival zu sein. Zwar gibt es noch immer jede Menge Oldtime- und Feelgood-Jazz, doch als Gegengewicht dazu bietet das neuntägige Programm etliche Konzerte mit modernem, ja sogar avantgardistischem Jazz. Was die fünfköpfige «Squeezeband» um den Schweizer Meister-Percussionisten Reto Weber nun aber im Stadttheater auftischte, öffnete die Tür in eine etwas andere Jazzwelt.

Reto Weber, inzwischen 57 Jahre alt, hat sich schon vor etlichen Jahren mit Nino G zusammengetan. Der junge Italiener mit Wohnsitz in der Schweiz ist eine «human beatbox», also einer, der mit seinem Körper, vor allem mit Mund und Stimme, Rhythmen erzeugt. Es ist der absolute Hammer, wie dieses lebende Schlagzeug nuancenreich pumpt, brummt, zischt, knallt oder sprudelt.

Ein höchst komplexes Rhythmusgeflecht

Nino G und Reto Weber (auf seiner Steeldrum-Weiterentwicklung Hang, dem Tonkrug Gatam und der Djembe) sind das Herzstück der «Squeezeband». Zwei Percussionisten, die sich mal duellieren, mal gemeinsam marschieren. Wenn dann noch der vorzügliche Bassist Dominique Muzeau mitmischt, wird ein irrwitzig komplexes Rhythmus-Geflecht mit viel Druck gelegt. Eigentlich ein abendfüllendes Programm.

Aber Reto Weber hat seine Band noch mit zwei Jazz-Heroen aufgemotzt: mit dem amerikanischen Saxofonisten Chico Freeman und dem kubanischen Gitarristen Dany Martinez. Während Martinez der Band mit coolen Grooves und ein paar ausgefuchsten Soli sehr dienlich ist, wirkt Saxofonist Freeman, der inzwischen in Griechenland lebt, bisweilen seltsam distanziert. Seine solistischen Ausflüge zünden selten - und werden von dem ansonsten sehr applausfreudigen Publikum zu Recht kaum mit Beifall bedacht. Auch was er melodisch beisteuert, reißt nicht vom Hocker.

Erstaunlicherweise findet der einstige Vorzeige-Avantgardist Chico Freeman in diesem Spiel zwischen Jazz und Hip-Hop nicht ganz seinen Platz. Vielleicht sind ihm das heiße Experimentieren der beiden Percussionisten und die Showeinlagen von Nino G auch zu viel des Guten. Immerhin lässt sich Freeman ganz am Ende, bei den drei Zugaben, zu kleinen Tänzchen auf der Bühne hinreißen und übt sich im «Duetto» mit dem Italiener als ebenso leibhaftige Beatbox.

Der Jazzfrühling läuft noch bis Sonntag. Zu den Hauptacts am heutigen Donnerstag («Bolero Berlin» mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker) und am Freitag (Rita Marcotullis Pink-Floyd-Projekt) gibt es noch Karten.

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