Tage mit Sinn (8)
Zwei Pfarrer und ihre Sicht auf Aschermittwoch und die Fastenzeit

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Welch Gegensatz: Auf die närrische Zeit mit ihrem ausgelassenen Frohsinn folgen ab Aschermittwoch sieben Wochen der Einkehr und des Verzichts. Doch welche Botschaft verbirgt sich hinter Aschermittwoch, warum bedeutet die Fastenzeit vor Ostern viel mehr als nur Gewichtsverlust? Der evangelische Dekan Jörg Dittmar (Kempten) und der katholische Regionaldekan Reinhold Lappat (Buchloe) nähern sich dem Thema auf eigene Weise. Denn die Reihe «Tage mit Sinn» will auf unkonventionelle Art Feiertage beleuchten und Hintergründe vermitteln.

Lappat: Aschermittwoch ist für mich ein markanter Tag mit vielschichtiger Bedeutung. Der Fasching, der in unserer Kirche ja Tradition hat, endet mit der Fasnacht, wörtlich der letzten Nacht vor dem Fasten. Man darf sich noch einmal richtig austoben, um dann einen neuen Anfang zu setzen. An diesem Tag wird aus ausgelassener Freude Ernsthaftigkeit. Die Aschenauflegung ist dabei seit Jahrhunderten sichtbares Zeichen für Neubeginn, Umkehr - und Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit.

Wenn der Priester die gesegnete Asche aufs Haupt streut oder das Kreuz auf die Stirn zeichnet, spricht er zwei markante Sätze: Bedenke, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst. Aber auch: Kehre um, glaube an das Evangelium. Die Asche wird gesegnet als Erinnerung: Jesus Christus soll mit dir gehen.

Dittmar: Bei uns ist diese Zeit weniger von Symbolen geprägt als von der Konzentration auf die Passion Jesu, auf seinen Weg ans Kreuz. Wobei nicht nur das Leiden entscheidend ist. Denn in den biblischen Geschichten geht es ja auch um den Mut, mit dem Jesus auftritt - im Sinn von: klar, offen, vielleicht auch streitbar. Eines ist für mich ein bewegendes Bild: Dieser Christus, der nicht Ausflucht und Umweg sucht, sondern das Unvermeidliche aus Gottes Hand annimmt.

Die evangelische Kirche hat es neu für sich entdeckt, diese Zeit auch als Fastenzeit zu nutzen. Wobei da nicht klassisch nur beim Essen gefastet wird.

Das ist mehr ein Denkprozess: Wo gibt es in meinem Leben einmal ein Weniger? Und welche Erfahrungen mache ich dabei? Das kann Fernsehen sein, ein Computerspiel oder Süßigkeiten

Lappat (nickt): Stimmt, der Verzicht ist ein tragendes Element der Passionszeit. Nur für uns Katholiken gibt es immer Einstiege mit Symbolkraft - und das ist eben der Aschermittwoch. Da beginnt diese Intensivzeit, wie ich es oft nenne, auf Ostern hin. Mir ist es dabei wichtig, zu sagen: Weniger ist mehr.

Dazu gehört auch, etwas Gutes zu tun, etwa auf einen Menschen zuzugehen, den man schon lange nicht mehr beachtet hat. Bei uns spielen in dieser Zeit auch die Prophetenbücher eine große Rolle. Da geht es etwa darum, Gefangene zu befreien oder Kranke zu besuchen - alles Bilder, die uns einladen, das eigene Umfeld anzuschauen.

Ich finde es schwierig, wenn jemand sagt, er will da abspecken. Warum abspecken, was habe ich davon? Ein paar Pfunde zu verlieren ist gut, aber sonst?

Dittmar (schmunzelt): Das freut die Mediziner, aber das muss man natürlich vom Kirchlichen trennen.

Lappat: Ja. Es geht auch darum, sich selbst wieder neu auszurichten. Die Bereitschaft dazu ist aus meiner Sicht groß. Wobei unsere Kirche Fasttage ja verordnet hat - der Aschermittwoch ist keine Option, sondern ein klar gefasster Abstinenztag. Ich höre immer wieder: An diesem Tag nehmen wir uns ganz bewusst zurück, um zum Einstieg ein Zeichen zu setzen. Nur einmal am Tag essen, etwas Einfaches

Dittmar: Ich habe den Eindruck, es werden jährlich mehr, die sich selbst ein Fastengelübde geben. Da könnte auch das Entschleunigen reinspielen: Fasten, verzichten - das ist schon eine Form von Luxus geworden, fast ein bisschen Lifestyle. Aber ob man so an tiefere Erfahrungen kommt? Etwa im Verzicht einen Schmerz spüren. Oder Disziplin brauchen wie Jesus damals

Lappat: Ja, man muss sich wirklich fragen: Wofür mache ich das, um welche Freiheit geht es mir? Da haben wir Kirchen den Auftrag, Sinn zu vermitteln. Wichtig finde ich da die Erfahrung Jesu während seiner 40 Tage in der Wüste - diese Leere auszuhalten und sich zu fragen: Was macht das mit mir?

Dittmar: Faszinierend finde ich übrigens, dass diese Wochen in krassem Kontrast zur Jahreszeit stehen. Die Natur bricht auf, sprießt. Dem gegenüber steht das Sich-Einlassen auf eine Leidensgeschichte, die zuerst ins Sterben führt. Aber das Loslassen und Vertrauen auf Gott weckt tiefste Lebenskräfte.

Lappat: Da gehts mir genauso. Die Fastenzeit bietet Gelegenheit, die Seele nachkommen zu lassen, quasi alles neu zu sortieren. Dabei hilft der Blick auf Jesus - und das ist für mich etwas Starkes: Ich kann diesen Weg gehen, weil er ihn gegangen ist. Der Blick geht dann automatisch nach vorn. Markus Raffler

 

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