Kempten
Zwei glühende Anwälte für Max Reger

Max Reger - der maßlos Unterschätzte. So war das jüngste Konzert der Reihe «solopiano» im Fürstensaal überschrieben. Ein anmaßender Titel? Nein. Kurt und Christian Seibert bewiesen, dass Reger zu den musikalischen Giganten gezählt werden muss.

Warum der zu Lebzeiten gefeierte und von Kollegen wie Schönberg und Hindemith geschätzte Komponist (1873 - 1916) nur in der ökologischen Nische Orgel überlebte und sein Klavierwerk fast der Vergessenheit anheim fiel, ist schwer verständlich. Dr. Tröger realisierte, was sich ansonsten kein Veranstalter weit und breit traut: Ein ganzes Programm mit Reger-Werken, an einem und an zwei Klavieren (der Flügel aus dem Stadttheater wurde extra herbeigeschafft).

Massen kann man mit so einem Projekt nicht in Bewegung versetzen, aber das Interesse in Fachkreisen war geweckt. Einige Zuhörer kamen hunderte von Kilometern - und bereuten diesen Aufwand nicht. Vater und Sohn Seibert erwiesen sich als glühende Anwälte des Verkannten und fesselten vom ersten bis zum letzten Ton.

Schonkost ist es natürlich nicht, die da serviert wurde. Durch das spätromantische Harmonien-Labyrinth moduliert Reger mit schwindelerregender Virtuosität. Oft steigern sich die Werke in einen dionysischen Rausch. Wie aus einem Füllhorn strömen die Töne, und die Ohren feiern ein bacchantisches Festmahl. Aber wer Verdauungsfähigkeit und eine gute Leber mitbringt, der kann sich dieser Ekstaste genüsslich überlassen.

In den großen Werken für zwei Klaviere (Variationen über ein Thema von Beethoven op. 86 und Introduktion, Passacaglia und Fuge op. 96) entstand ein dermaßener musikalischer Sog, eine Gezeitenströmung, die an die berühmte Passage im Roman «Schlafes Bruder» denken ließ, in der Elias Alder an der großen Orgel um sein Leben spielt. Es sind keine Variationen im herkömmlichen Sinne, vielmehr Metamorphosen, die Reger entwirft.

Die Energie eines Intervalls

In seinem hochinteressanten Einführungsvortrag legte Professor Kurt Seibert dar, wie modern Reger ans Werk geht, wenn er sich etwa mit der «Energie eines Intervalles» beschäftigt. Wie Seibert dann die Bach-Variationen op. 81 auswendig hinlegte, das macht ihm so leicht keiner nach. Hier müssen dicke Bretter gebohrt werden, und darum vermutlich drücken sich auch viele Pianisten um dieses Werk herum.

Nach der Pause ein Kontrast: Christian Seibert bot luftige und duftige Kostproben aus Frühwerken, Regers Bearbeitung eines bachschen Orgelwerkes (BWV 548, das Präludium wirkte in dieser Umgebung fast etwas konventionell, aber die unberechenbare Fuge ging unter die Haut).

Und dann eine sensationelle, aberwitzige Show: Regers notierte Improvisationen über den Strauß-Walzer «An der schönen blauen Donau». Den Strauß-Erben war dieses durchaus parodistische Stück so unheimlich, dass sie eine Aufführung jahrzehntelang blockierten. Höhepunkt des Konzertes war am Ende «Introduktion. Passacaglia und Fuge» op. 96. Vom vierfachen piano bis zum vierfachen forte reicht das dynamische Spektrum, die Fuge steigert sich von einem mäusegleich trippelnden Thema ins Grandiose. Ein «opus magnum», ein Vermächtnis an die Menschheit, mit dem alles gesagt war.

Hier noch eine Zugabe anzuhängen, wäre tatsächlich ein Frevel gewesen.

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