Oberallgäu
«Zwangsläufig weniger krachert»

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Bis zu 24 Prozent bei Wählerumfragen für die Grünen; rein rechnerisch dabei die Chance auf Rot-Grün im Bund, und in Bayern Werte deutlich vor der SPD: Ein Höhenflug - aber eigentlich wundert das im Oberallgäu niemanden. Hier sind die Grünen, 30 Jahre alt, längst zweitstärkste Partei und hinter den Freien Wählern drittstärkste politische Kraft. Was bedeutet das für eine Gruppe, die einst als Protestpartei angetreten war? Wird sie zwangsläufig normaler? Oder sind die Grünen das schon längst? Etienne le Maire sprach darüber mit Kreissprecherin Martina Gebhard, Vize-Landrat Heinz Möschel und den Landtagsabgeordneten Adi Sprinkart und Thomas Gehring.

In manchem Bereich lassen Sie sogar die CSU hinter sich: Mit zwei von vier Landtagsabgeordneten aus dem Oberallgäu sind Sie da schon viel präsenter.

Sprinkart: Mathematisch betrachtet unendlich präsenter als die CSU!

Woher kommt dieser Höhenflug? Liegt das nur an der Schwäche der anderen?

Gehring: Das nicht, aber es spielt schon mit rein: In einer Zeit, wo andere Parteien nach ihrer Rolle suchen, sind wir die solidesten - mit einer klaren Linie, ohne Flügelkämpfe.

Gebhard: Verlässlichkeit spielt da eine Rolle.

Sprinkart: Wir fragen uns halt nicht dauernd wie die CSU: Was muss ich eigentlich sagen, damit mich die Leute wählen?

Haben Sie Mitleid mit der SPD?

Möschel: Hmm. Vor allem sollten wir nicht überheblich werden.

24 Prozent - meinen Sie, das wird noch mehr? Wo ist die Grenze für die Grünen?

Gehring: Ich glaube nicht, dass wir viel höhere Werte erreichen können. Das schafft keiner mehr. Die Zeiten großer Volksparteien sind vorbei. Man muss auch mit Umfrageergebnissen sehr vorsichtig sein. Das sind keine Wahlen.

Sprinkart: Je größer der Wählerkreis wird, desto schwieriger wirds natürlich, es ihm recht zu machen.

Möschel: Das ist aber vielleicht unser Geheimnis: Eigentlich sind uns Umfrage- und Wahlergebnisse immer noch wurst. Was zählt, ist glaubwürdige Politik zu machen.

Aber Sie verhalten sich doch anders als früher. Zum Beispiel beim Hangrutsch im Faltenbachtobel. Da gabs zwar klare Worte der Grünen im Gemeinderat - aber das wars dann auch schon.

Möschel: Hier geht es um die Erweiterung eines bestehenden Kraftwerks. Die Bauausführung ist aber eine Katastrophe. Ich denke, wenn wir als Grüne aus Atomkraft und Kohle aussteigen wollen, dann müssen wir auch über Alternativen reden. Wasserkraft ist eine davon. Wir können nicht sagen: Wir sind nur dagegen.

Aber genau dieses Recht haben Sie sich doch früher genommen. Wie verbürgerlicht sind Sie denn inzwischen?

Gehring: Wir sind bürgerlicher, normaler geworden. Aber die anderen, die ganze Gesellschaft ist auch grüner geworden. Bei der Allgäuer Festwoche beispielsweise wurden etliche Solargemeinden mit CSU-Bürgermeistern geehrt

Sprinkart: und bei der Atomkraft gibts in Deutschland eine Mehrheit für den Ausstieg. Nur Frau Merkel hat das noch nicht gemerkt. Da gibts allerdings inzwischen auch ein Ausstiegsszenario, das wir als Regierungspartei Rot-Grün mitgeschaffen haben, und daran orientieren wir uns. Das macht einen zwangsläufig weniger «krachert».

Ist das schade?

Sprinkart: Manchmal schon.

Möschel: Ich finds nicht schade.

Gebhard: Ein vernünftiger Dialog, in dem man unterschiedliche Meinungen austauscht und Lösungen sucht, ist doch besser als wenn nur die harten Positionen aufeinanderprallen.

Sprinkart: Wir sind aber inzwischen «näher am Bürger», auch wenn die CSU das für sich postuliert. Schauen Sie doch mal auf «Stuttgart 21» .

Möschel: Oder auf lokale Themen wie die Immenstädter Ortsumgehung - heute gibts eine Mehrheit dagegen.

Wie brav sind die Grünen geworden? Kein Aufschrei in Oberstdorf, kein Protest bei der neuen Bahnbrücke bei Thanners oder bei der Umgehungsstraße für Rauhenzell. Da wären Sie doch früher auf die Barrikaden gegangen.

Möschel: Bei der Bahnbrücke dachte ich wirklich, es ist der 1. April. Ich hab mich da mit den anderen im Bauausschuss richtig gefetzt.

Aber es gab keinen öffentlichen Protest.

Gebhard: Dafür wars zu spät. Das waren Nacht- und Nebelaktionen.

Möschel: Sie haben schon recht: Das sind sicher Zeichen dafür, dass wir keine Protestpartei mehr sind.

Sprinkart: Bei den Leuten ist die Bereitschaft zum Protest auch nicht mehr so hoch wie früher. Vor 20 Jahren hätten wir da anders reagiert.

Auch mit dem politischen Gegner gehen Sie heute anders um.

Möschel: Den politischen Gegner gibts für mich nicht. Man muss den Menschen sehen, der eben nur eine andere Meinung hat.

Sprinkart: Najaaaa.

An wen denken Sie?

Sprinkart (lacht und denkt an Alfons Zeller, CSU): Aber das stimmt schon. Sich an einem bestimmten politischen Gegner abzuarbeiten, das macht nur eine gewisse Zeit Spaß.

Wie klappts denn heute mit der schwarz-grünen Zusammenarbeit?

Sprinkart: Letztlich ist das auf beiden Seiten eine Generationenfrage. Die Jüngeren sind da nicht so belastet.

Möschel: Schwarz-Grün ist für mich schon eine Richtung. Durch die Atombeschlüsse jetzt sind wir natürlich wieder meilenweit weg davon. Da seh ich sozusagen schwarz.

 

 

 

 

 

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