Zwangsarbeiter in fast jedem Betrieb

Teil I: 1944 registriert das Stadtarchiv rund 4000 in Kempten ­ Heute noch Anfragen. Von Ralf Lienert Kempten Mehr als zwei Jahre rangen Vertreter der deutschen Industrie und der Bundesregierung mit den Anwälten ehemaliger NS-Zwangsarbeiter um Entschädigungszahlungen. Jetzt einigten sich die Parteien auf zehn Milliarden Mark für 300 000 noch lebende KZ-Häftlinge und eine Million weiterer Zwangsarbeiter. Auch in Kempten wurden im Krieg Menschen zur Arbeit gezwungen. 1944 schufteten rund 4000 von ihnen in der Stadt für den 'Endsieg' ­ in fast jedem Betrieb oder in der Landwirtschaft. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft 1945 wurden sogar 9000 gezählt. Die AZ blätterte in den Kemptener Archiven und bringt eine Zusammenfassung in zwei Teilen.

Im Kemptener Stadtarchiv schlummern rund 100 große Boxen, in denen die Schicksale von Zwangsarbeitern aus 15 Nationen aufgezeichnet sind. Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck stöbert beinahe jeden Monat in den Akten und beantwortet Anfragen überwiegend aus Osteuropa. Viele der heute über 70-Jährigen lassen sich bestätigen, wie lange sie als Zwangsarbeiter in Kempten waren.

Zu Beginn des Krieges zählte die Allgäu-Metropole rund 30 000 Einwohner. Je mehr Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden, desto mehr Zwangsarbeiter trafen als Ersatz ein. Der erste Sonderzug mit polnischen Arbeitern kam am 20. Februar 1940 im Kemptener Bahnhof an. Mit dabei war die 18-jährige Stansilawa F., die als Gartenarbeiterin bei der Firma Heiler im Freudental eingesetzt wurde. Sie musste im Januar 1941 erleben, dass die Nazis keinen Kontakt zwischen Deutschen und Polen wünschten. Wegen Geschlechtsverkehrs mit einem Kemptener wurde sie zu drei Wochen Haft verurteilt. Ihr 20-jähriger Landsmann Zdzislaw E. landete bei der Käsegroßhandlung Hartmann. Als ihn ein Käsesalzer als 'Polaken' beschimpfte, schlug der Pole zu und wurde zu acht Tagen Haft bei Wasser und Brot auf hartem Lager verurteilt.

Die Arbeitskräfte aus dem Osten wurden zunächst privat, im Gesellenhaus oder in der Spinnerei und Weberei an der Keselstraße untergebracht. Als immer mehr Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten nach Kempten verfrachtet wurden, schlossen sich die Kemptener Firmen im Juli 1942 zu einer 'Interessengemeinschaft Ostarbeiterlager' zusammen. Über 40 Unternehmen ließen ein Lager südlich der Tierzuchthalle errichten, in dem vor allem russische Zwangsarbeiter kaserniert wurden: Ende 1942 rund 400 Menschen. Die Firmen zahlten pro Tag und Arbeiter eine Mark für Unterkunft und Verpflegung. Die tatsächlichen Kosten wurden aber niedriger gehalten und bescherten der 'IG Ostarbeiterlager' 1943 einen Gewinn von über 50 000 Mark, der 1944 sogar fast verdoppelt wurde.

Zwei KZ-Lager

Im Sommer 1943 kamen rund 100 KZ-Häftlinge von Dachau nach Kempten. Ihre Zahl steigerte sich bis Kriegsende auf rund 600. Sie wurden anfangs in der Spinnerei und Weberei gefangen gehalten, wo sie Rüstungsgüter produzierten. Im April 1944 brachte man sie in der Tierzuchthalle gleich neben dem Zwangsarbeiterlager unter. Die Mehrzahl der KZ-Häftlinge von dort arbeitete bei der Firma U. Sachse KG, an der BMW mit 50 Prozent beteiligt war und stellte Teile für Messerschmitt-Jagdflugzeuge her. Weitere 1000 KZ-Häftlinge schufteten für Messerschmitt in Kottern. In der dortigen Spinnerei und Weberei befand sich ab 1943 ebenfalls ein Rüstungsbetrieb. Das dazugehörige Konzentrationslager stand in Weidach.

1944 wurden in Kempten Zwangsarbeiter aus ganz Europa für die Kriegsproduktion eingesetzt. Aber auch die öffentliche Hand bediente sich ihrer. So arbeitete zum Beispiel der 39-jährige Familienvater Fedor C. aus Weißrussland und die 18-jährige Katharina M. aus der Ukraine bei der Reichsbahn.

Daneben arbeiteten Frauen in der Gastronomie und Hotellerie, etwa als Haus- und Küchenhilfen im Gasthaus 'Stachus' an der Reichlinstraße. Die in Irland geborene Belgierin Brigitte Mary Q. (17) kam 1941 als Gehilfin zu Arthur Graefe in die Illerstraße. Ebenfalls aus Belgien stammt Gisèle P. (16), die 1941 dem Hotelier Max Keller vom 'Bürgersaal' zugewiesen wurde. Dieser hatte an die Behörden geschrieben: 'Bitte um eine Ersatzkraft, da ich sonst meinen Übernachtungsbetrieb schließen muss.' Im Sommer 1943 unternahm die Belgierin einen kleinen Ausflug nach Ingolstadt und wurde dafür zu drei Tagen Haft wegen 'eigenmächtigen Verlassens des Arbeits- und Aufenthaltsortes' verurteilt.

Die Behörden reagierten mit brutaler Gewalt auf relativ unbedeutende Vorfälle. Zwei Beispiele: Die beiden Polen Stanislaw Czycz (20) und Piotr Kalicke (30) wurden wegen Diebstahls und Flucht am 12. August 1943 zum Tode verurteilt und in Kempten hingerichtet. Im Landkreis wehrten sich polnische Arbeiter 1943 gegen ihren Dienstherren. Die SS ließ alle Polen antreten, erhängte den Anführer und zwang die anderen, an ihm vorbeizumarschieren. Nach der Befreiung Kemptens durch die US-Alliierten 1945 wurden Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene zunächst in zwölf Lagern untergebracht: Fast 9000 Menschen hausten vor allem in Schulen. Der KZ-Lagerleiter wurde zu vier Jahren verurteilt und eine Oberkapo wegen Misshandlung von Gefangenen zu mehreren Jahren Haft.

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