Oberstdorf
Zusammen singen und lustig sein

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Das Ziel klingt einfach und dennoch verwirrend: «Ich möchte, dass der Mensch zur Person wird», beschreibt Kantor Johannes Böckler seine Arbeit mit dem Chor der Christuskirche in Oberstdorf. Zur Erklärung verweist er auf die lateinische Quelle: Personare heißt, wörtlich übersetzt, durchtönen. Die Sänger sollen zu «durchtönenden Wesen» werden, «durchlässig» für die Musik: «Die Noten sind das, was lebendig werden will, und die uns als Gefäß brauchen.» Den Choristen scheint es zu gefallen: «Es macht einfach Spaß, mit anderen zusammen zu singen», sagt Udo Siebert, 73. Um im gleichen Atemzug zu ergänzen: «und ein bisschen lustig sein».

Für Kantor Böckler bedingen sich die musikalische und soziale Komponente gegenseitig. Er schätzt die Regelmäßigkeit der wöchentlichen Proben, damit das Ensemble zusammenwachsen kann. «Und wenn es einem Mitglied mal schlecht geht, trägt der Chor es mit.» Es bedürfe nicht nur der Musik, damit der Chor sich weiterentwickelt, ist Böckler überzeugt, der auf eine langjährige Erfahrung als Chorleiter zurückblicken kann. Bevor er 1999 nach Oberstdorf kam und den Chor übernahm, hatte er den von ihm 1980 gegründeten Ökumenischen Chor im Olympischen Dorf in München betreut - seines Wissens die einzige «gemischt-gläubige» Sangesgemeinschaft in Bayern.

Sein erster Eindruck vom damals kleinen Oberstdorfer «Christuschor» mit rund zehn Mitgliedern: eine «gefügte Chorgemeinschaft», deren Mitglieder schon sehr lange miteinander singen. Doch Johannes Böckler wollte einige Schritte weiter gehen und den Chor vergrößern. Ihm war klar: Wenn Leute Lust zum Mitsingen haben sollen, dann muss die Arbeit interessant sein. Und so beschloss er, zu Weihnachten 2001 Teile des Weihnachtsoratoriums von Bach einzustudieren. «Bach», lächelt er, «war die Initialzündung: Vom Singen her anspruchsvoll und ansprechend nicht nur für Leute, die mit der Kirche zu tun haben.» Es meldeten sich etliche Sänger, heute zählt der Chor 25 Mitglieder.

Weitere Sänger, «vor allen Dingen Männer», sind freilich herzlich willkommen. Besondere Voraussetzungen werden nicht verlangt: «Singen kann jeder.» Schließlich leite er auch kein Profiensemble, sondern einen Laienchor. Und wenn der Chor «selber zur Musik wird», ergebe sich «der Rest» wie Dynamik oder Rhythmusgefühl von selber. Um die Sänger zu «öffnen», legt Böckler großen Wert auf Körperübungen zu Beginn der Proben. Da werden die Arme geschüttelt, Stretch- und Dehnübungen gemacht, um vom Stress des Tages auszuspannen. «Singen befreit», sagt der Kantor, der gerne selber seine Stimme ertönen lässt. Für ihn als Chorleiter ist es faszinierend, wenn er den Menschen etwas mitgeben könne für das Leben, und «der geistliche Aspekt ist im gleichen Zimmer».

Er ist davon überzeugt, dass ihm das auch mit dem neuen Projekt gelingt: dem «Messias» von Händel. «Weil es sich sehr schön singt und weil es ein Werk mit Tiefgang ist.» Händel, meint Böckler, werde oft unterschätzt als der oberflächliche Bruder Bachs: «Was überhaupt nicht stimmt.» Er möchte mit dem Chor weiter wachsen, das Verständnis für Musik erweitern - und eines Tages mit dem Ensemble die Matthäuspassion von Bach singen. «Das wäre eine Steigerung.»

Gerade recht für Hildegard Miller (68), die seit rund zehn Jahren im Chor mitsingt - übrigens gleichzeitig im katholischen Chor. Miller schätzt neben der Gemeinschaft «das Lernen», wenn es ein neues Werk einzustudieren gilt: «Alltag ist für mich tödlich», lacht die Arzthelferin im Ruhestand fröhlich.

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