Kirche
Zur heiligen Crescentia nach Kaufbeuren kommen weniger Pilger als erwartet

Im Inneren der Klosterkirche sitzen an diesem Vormittag zwei Paare und ein älterer Mann. In seiner Andacht vertieft, bewegt er lautlos die Lippen. Nach einer Weile steht er auf, geht - nicht ohne noch eine Kerze anzuzünden - vorbei am Fürbittenbuch, vorbei am Schriftzug «Heilige Crescentia bitte für uns». Draußen vor der Kirche sagt er: «Einmal pro Woche komme ich zur Crescentia und spreche mit ihr. Das ist Teil meines Leben.»

Welch innige die Beziehung die Menschen aus der Stadt und dem Kaufbeurer Umland zu «ihrer» Heiligen pflegen, erlebt die Generaloberin des Crescentiaklosters, Schwester Regina Winter, Tag für Tag. Zwar zählt sie die Menschen nicht, die täglich die Klosterkirche mit dem Reliquienschrein besuchen oder an die Pforte kommen, aber: «Es sind viele, sehr viele». Oft sind es große Anliegen und schwere Sorgen, mit denen sich die Gläubigen entweder direkt an Crescentia wenden oder eine der Schwestern bitten, ihr Ansinnen weiter zu tragen. Crescentia galt seit jeher als gefragte, kluge Ratgeberin, die sich für ihre Mitmenschen einsetzte. Schon ihre damalige Oberin berichtete im Jahr 1726: «Es verlangt jedermann mit ihr zu sprechen (), alle gehen getröstet von ihr.»

Beim Blättern im Fürbittenbuch, das in der Klosterkirche gleich neben dem Prunksarg ausgelegt ist, liest sich schnell eine herzliche Natürlichkeit und Zuneigung heraus. Viele Einträge beginnen mit einem «Liebe Crescentia» und enden ganz vertraut mit einem «Dein Georg» oder «Deine Johanna». Gebeten wird um Hilfe und Beistand bei Beziehungsproblemen, bei Krankheit oder Operationen, aber auch um Unterstützung in der Schule und bei Examensprüfungen wird angefragt. Mancher Wunsch bleibt auch sehr im Allgemeinen: «Bitte hilf uns, dass alles gut klappt», steht dort in Kinderschrift. «Die Menschen schöpfen Kraft von Crescentia. Sie ist ein Vorbild und eine Säule im Leben von Vielen», sagt Schwester Regina.

«Starke Anhänglichkeit»

Der Germanist und Historiker Dr. Karl Pörnbacher, Vizepostulator für Crescentias Heiligsprechung, teilt diese Einschätzung: «Crescentia gilt als ganz große Helferin für alle Lebenslagen - weswegen die Gläubigen zu ihr auch eine starke Anhänglichkeit pflegen.» Pörnbacher erkennt eine starke Verwurzelung Crescentias im Alltag vieler Kaufbeurer und Allgäuer. Eine «unmittelbare, ganz selbstverständliche Verortung» nennt es der Autor mehrerer Crescentia-Bücher und liefert einen möglichen Erkläransatz für das Ausbleiben größerer Pilgerströme in die ehemalige freie Reichsstadt. Crescentia habe seit jeher immer «ganz direkt auf die Menschen gewirkt». Das heißt: Die Gläubigen suchen die Heilige bei einem Anliegen gleich auf, wählen nicht den «Umweg» über eine Wallfahrt. «Crescentia und das Kloster sind eher das Ziel eines Sonntagnachmittagsausfluges. Also ganz anders als wir es etwa von Altötting kennen», sagt Pörnbacher.

Größeres Interesse erhofft

Die Zahl der offiziell registrierten Pilger hat sich in den vergangenen Jahren zwischen 4000 und 5500 eingependelt. In Kaufbeuren hatte man sich größeres Interesse erhofft; zumindest beim Verein für Tourismus- und Stadtmarketing. Seit ihrer Heiligsprechung im Jahr 2001 versucht die Stadt von der einstigen Weberstochter zu profitieren - bislang mit mäßigem Erfolg. Nach einem Anstieg in den Jahren 2001/02 flaute das Interesse an der ersten deutschen Heiligen des dritten Jahrtausends bald wieder ab. Daran änderte auch die im Herbst 2007 geschaffene Stelle einer Pilgerbeauftragten nichts. Nach nur drei Jahren warf die Marketingfrau selbst das Handtuch und die Stelle wurde nicht wieder neu besetzt.

«Crescentia ist eine Heilige mit regionaler Anziehung. Überregional findet das Thema nicht so statt wie gedacht», sagt der Kaufbeurer Oberbürgermeister Stefan Bosse und klingt nachdenklich. Zwar betont auch er das «innige Verhältnis» der Menschen und der Stadt zu Crescentia, aber Bosse kommt zu dem Schluss: «Sie ist eine stille Heilige, die sich nicht für die Kommerzialisierung eignet. Menschen, die konsumieren, zieht sie nicht an.» Die, die kommen, wollen sich besinnen, beten - und fahren dann wieder nach Hause.

Große Aufgaben für das Kloster

Das Zählen der Pilger überlässt Schwester Regina Winter der Stadt; Statistiken kümmern sie nicht besonders. Und es ist ja auch keineswegs so, als hätten die 48 Schwestern des Klosters nicht ohnehin viel Arbeit. «Mittlerweile ist es bei uns fast etwas unruhig geworden», sagt die Generaloberin. Ansprechpartner sein für Gläubige, der Klosterladen, die Armenspeisung, das Internat, all das sind «große Aufgaben» für die Schwestern. Doch sie tun es mit Freude - und ganz im Sinne Crescentias: «Das Kloster soll eine Oase sein für den Glauben. Die Menschen dürfen bei uns Ruhe und Kraft schöpfen in der Hektik des Alltags», sagt die Generaloberin.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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