Allgäu
Zügelloses Brüllen? Nein, danke!

Meine Frau und ich haben nichts gegen Fußball. Und wir haben auch nichts gegen Massenaufläufe. Solange man uns mit beidem in Ruhe lässt. Also werden uns die nächsten Wochen ziemlich am Gesäß vorbeigehen. Multimillionären in kurzen Hosen beim Ballspielen zuzusehen ist unsere Sache nicht - weder daheim noch in der Öffentlichkeit. Schon gar nicht, wenn sich dieses öffentliche Rudelgucken «public viewing» nennt.

Aber wieso denn, werden Sie fragen? So ein Abend mit zig tausend Gleichgesinnten vor einer Großleinwand ist doch nicht nur eine geile Gaudi, es klingt auch cool und absolut weltläufig: «babblick wjuing».

Blöd nur, dass oberschlaue «Ihwänt-Mänätscher» schon bei der WM 2006 vergessen haben, einen Muttersprachler zu fragen, ob das stimmt, was sie da aus ihrem «School Word-Book» zusammengesetzt haben. Und leider: es stimmt nicht, sprachliche Fouls wie «Handy» und «Bodybag» (soll in der Werbung «Rucksack» bedeuten, heißt aber «Leichensack») lassen grüßen. Als uns letzten Sommer der Cousin in Kanada erzählte, er müsse heute zu einem Public View-ing, war rasch klar, wieso er so traurig schaute: Der Begriff steht im amerikanischen Englisch für Leichenschau bzw. das öffentliche Aufbahren eines Toten.

Aber egal, wie Spaß-Veranstaltungen auch immer genannt werden: Bei solchen «Events» schwenken wir gewisslich keine schwarz-rot-goldenen Fähnchen, hüpfen nicht herum wie durchgeknallte Derwische, völlig Unbekannten dreschen wir nicht euphorisch auf die Schultern und fallen ihnen schon gar nicht um den Hals. Wir unterlassen es auch, uns in zügellosem Herdentrieb immer dann literweise Bier in den Rachen zu schütten, wenn der gerade mal nicht zum gemeinschaftlichen Brüllen - ob das in der Werbebranche wohl common shouting hieße? - verwendet wird.

Heimische Jagd nach Pokalen

Das soll nun aber nicht heißen, wir seien nicht sportlich zu begeistern. Aber anstatt Gesundheit und Nerven inmitten einer Herde wild gewordener Fußballfans zu ruinieren, jagen wir daheim nach Punkten und Pokalen und treffen - Internet sei Dank - dabei Freunde aus Mexiko, Australien und Iran: Wir steuern auf der Wii leidenschaftlich gerne Marios bunte Flitzer über diverse Strecken - da können uns Löws Kicker absolut nicht locken, weder «at home» noch «public». So ist es halt bei uns: Mario hui, Jogi pfui!

 

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