11. September 2001
Zehn Jahre nach den Attentaten am 11. September hat sich vieles normalisiert

3Bilder

Millimeter für Millimeter wird der Kopf auf dem Mini-Bildschirm größer, bis er den Rahmen ausfüllt. Martin Welp blickt noch einmal auf die gelben Linien, die zur Orientierung über Kinn- und Stirnpartien verlaufen, nickt: «So passt es», sagt der Fotograf und zeigt auf die Schablonentafel der Bundesdruckerei, auf der man «Erika Mustermann» sieht - mit dem typischen erstarrten Gesichtsausdruck biometrischer Passfotos. Schön? Nein, schön findet der Fotograf aus der Bahnhofstraße die streng genormten Bilder bis heute nicht. «Aber man hat sich einigermaßen daran gewöhnt.» Am 1. November 2005 waren die Pässe mit biometrischen Bildern eingeführt worden. Vor allem auf Drängen der USA - und als Folge der Terrorangst nach dem 11. September 2001. Zehn Jahre sind die Anschläge an diesem Sonntag her.

Ein Tag, der sich ins << kollektive Gedächtnis >> eingebrannt hat. Sagt der Klappentext des dicken Schmökers, der bei der Buchhandlung Dannheimer auf einem eigens bestückten Büchertisch liegt. << Es fragt immer mal wieder einer nach - aber insgesamt gibt es kein allzu großes Interesse >>, erzählt eine Mitarbeiterin. Zum zehnten Mal jähren sich die Terroranschläge von New York - was ist geblieben vom Grauen, was wirkt bis heute nach?

Die Spurensuche führt ein Stück die Fußgängerzone hinab. Zur Freitreppe. Zu Hunderten standen die Kemptener dort in den Tagen nach den Anschlägen. Haben gebetet, sich im gemeinsam empfundenen Entsetzen die Hände gereicht. Haben sich so wenig nach Feiern gefühlt, dass vom Kinderflohmarkt des SPD-Ortsvereins Kempten-Nord bis zum Senioren-Tanztee alle Veranstaltungen abgesagt wurden.

Denkmaltag, Imkertag, Herbstmarkt, ein Kirchenpatrozinium - zehn Jahre später ist rund um den 11. September viel los. An der Freitreppe herrscht die übliche Geschäftigkeit der Einkaufsstadt. Viele Schüler sind unterwegs, genießen die letzten Tage der Sommerferien.

Gerald Dötz, Direktor des Allgäu-Gymnasiums, sitzt bereits im Büro. Ja, sagt er, der 11. September 2001 war ein << einschneidendes Erlebnis >>. So einschneidend, dass darüber im Schulunterricht bis heute gesprochen werde.

Gesprächsbedarf - den gab es schon vor zehn Jahren. Zum Beispiel zum Thema Sicherheit. Wie wäre Kempten im Terrorfall gerüstet? Diese Frage bewegte nach dem 11. September sogar den Stadtrat.

<< Tatsächlich ist das Thema damals stärker in den Blick geraten - zuvor ging es eher um Naturkatastrophen >>, sagt Renate Porkert vom Kemptener Amt für Brand- und Katastrophenschutz.

Die Sorge um die Sicherheit - sie ist noch in einer weiteren Behörde bis heute spürbar: beim Ausländeramt. << Ganz neu eingeführt wurde zum 1. September der elektronische Aufenthaltstitel >>, sagt Konrad Pfister. Fingerabdruck-Scan und biometrische Daten - die neuen Dokumente im Scheckkartenformat würden Zug um Zug an Ausländer ausgegeben.

Mit dem Ausland hat das Kemptener Unternehmen ESK viel zu tun - wegen seiner weltweit nachgefragten technischen Keramiken. 2004 wurde die Sankt Manger Firma vom amerikanischen Konzern Ceradyne übernommen, zu dessen Abnehmern die US-Streitkräfte gehören.

Keramikwerkstoff aus Kempten findet daher beispielsweise in Schutzausrüstungen für Soldaten im Anti-Terrorkampf Verwendung.

Welche Rolle der Jahrestag für ESK und den amerikanischen Mutterkonzern spielt? Unternehmenssprecherin Christine Hahn erreicht diese Anfrage bei einer Messe im Ausland. << Als wir uns hier im Kollegenkreis darüber unterhalten haben, haben wir alle uns erinnert, wo wir an diesem Tag waren. Aber das Leben hat sich inzwischen normalisiert >>, sagt Hahn. << Am Sonntag >>, fügt sie an, << werden wir uns alle erinnern. Und doch hatte dieser Tag nicht die Macht, uns dauerhaft zu beschädigen - Gott sei Dank. >>

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen