Oberstdorf
Wo Eindeutiges nur als Illusion erscheint

Das Bild des Verbrechens scheint eindeutig: Inmitten eines Boudoirs des späten 19. Jahrhunderts liegt der Leichnam einer Frau. Kampfspuren im Raum deuten daraufhin, dass sie einem Mord zum Opfer gefallen ist. Doch was wie eine schon etwas vergilbte Fotografie aus dem Kriminalarchiv wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Bleistiftzeichnung von Éric Manigaud aus dem Jahr 2008. Die Illusion ist perfekt.

Aber nicht nur sie lässt den Betrachter in der Sommerausstellung im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss staunen. Auch die Größe des Bildes flößt mit seinen rund zwei Quadratmetern Respekt ein - und natürlich die handwerkliche Qualität der Darstellung. Letztere ist vor allem das Bindeglied zwischen den rund 100 Arbeiten, die unter dem Titel «Wunder auf Papier - über 100 Jahre Zeichenkunst» auf drei Etagen zu diesem kleinen Querschnitt durch die Kunstgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart vereint sind, wobei der Schwerpunkt deutlich auf den vergangenen 100 Jahren liegt.

Zusammenhänge, Gegensätze

Exemplarische Arbeiten von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner oder Otto Dix finden sich hierbei ebenso wie solche von Pablo Picasso, Jean Dubuffet oder Georg Baselitz. Die Präsentation berücksichtigt dabei kaum die Chronologie der Entstehung, sondern spürt vielmehr Sinnzusammenhängen, Korrespondenzen und Gegensätzen nach.

Die Ausstellung atme ein wenig den Geist der Wunderkammern des Barock, erklären die beiden Kuratoren John Patrick Kohl und Wolfgang Schoppmann bei der Eröffnung. Sie haben die Kunstwerke aus der Sammlung eines Berliner Ehepaars ausgewählt, das nicht genannt werden möchte, wie Dr. Wolfgang Nettesheim, Vorsitzender der Initiative Villa Jauss, erläutert.

Bürgermeister Laurent Mies lobt die Ausstellung als Höhepunkt in der Oberstdorfer Kulturlandschaft, die einen zweiten Höhepunkt begleite, den Oberstdorfer Musiksommer. Drei junge Talente des Klassikfestivals geben denn auch bei der Vernissage Kostproben ihres erstaunlichen Könnens und beschwören akustisch jene Phänomene, die durch die Maler Bild geworden sind: Virtuosität und Fantasie.

Beide sprechen ebenso aus dem ältesten Exponat, drei fantastischen Vogelwesen auf einem verdorrten Zweig, die ein unbekannter Meister um 1700 geschaffen hat, wie aus einer der jüngsten Darstellungen, «Den Riesen schlafen legen» von Dirk Lange von 2010: Auf dem fast vier Quadratmeter großen Papier schwebt eine unsichtbare Figur, gehüllt in eine kostbare, schillernde Robe, das Gesicht hinter einem üppigen Blumenbukett verborgen, von zwei Mädchen mit Zauberutensilien beschworen, deren Köpfe mit Tüchern verhüllt sind.

Obwohl hier alles verblüffend konkret dargestellt erscheint, tun sich vor dem Auge des Betrachters Rätsel über Rätsel auf

Öffnungszeiten: Die Ausstellung «Wunder auf Papier» ist bis 3. Oktober im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss zu sehen, donnerstags bis sonntags jeweils von 15 bis 18 Uhr.

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