Immenstadt
Wo die Vergangenheit auf einen Sprung vorbeikommt

2Bilder

Um dem Alltag zu entfliehen, brauchts nicht unbedingt die berühmte einsame Insel oder einen Wellness-Urlaub in angesagten Resorts - manchmal genügt ein kleiner Abstecher in die Welt feingesponnener Lyrik. So geschehen bei einer Matinée des Immenstädter Literaturhauses, bei der Peter Würl mit leisen tiefsinnigen Texten und die Harfenistin Doro Heckelsmüller mit sensitiver musikalischer Umrahmung die Zuhörer verzauberten.

Dass «der Prophet im eigenen Land häufig nichts gilt» wird am Beispiel von Peter Würl deutlich. Während seine Gedichte durch Bücher, über 100 Anthologien und rund 200 Literatur-Zeitschriften, sowie bei zahlreichen Lesungen bundesweit für Furore sorgten, ist der 1946 in der Tschechoslowakei geborene und jetzt in Obergünzburg lebende Lyriker im Allgäu weitgehend unbekannt.

Nach einer zunächst beruflich völlig anders gepolten Vita hatte Würl seine Weichen Ende der siebziger Jahre mit dem Beitritt zur Künstlergruppe Schwarzmaler und später als Mitglied im Bundesverband junger Autoren, im Wiener Verein der Schriftsteller und Künstler, sowie im Autorenkreis Allgäu neu gestellt. Mit analytischer Präzision und virtuoser Sprachgewalt hat er das «Stiefkind» Lyrik aus der «Beiwerk-Nische des heutigen Literaturzirkus» emporgehoben.

Der Inhalt seiner Lesung jetzt in Immenstadt spannte einen Lebensbogen vom Anfang bis zum Ende - von Kinderträumen, die «den Wind an die Leine legen» und von Gedanken, die sich im Wald verlaufen, bis zum Abschied, wo die Vergangenheit «auf einen Sprung vorbeikommt» und immer noch «buntkarierte Träume der Zukunft» lichtblicken. Mit wehmütigen Zwischenstationen bei der («Ansichtssache») Liebe mit ihrer immerwährenden Sehnsucht und einer «Hängebrücke aus Liebkosungen».

Lauter Streicheleinheiten für die Seele der mucksmäuschenstill lauschenden Zuhörer, die von Doro Heckelsmüller mit ihrer Zauberharfe (gesanglich ergänzt bei der hinreißenden Ballade vom Liebesengel) sanft verdichtet wurden.

Dem «unbegreiflichen Zwischenfall Ich» wollte Peter Würl auf die Spur kommen und «zum Schweigemarsch gegen die Sprachlosigkeit» aufrufen, bevor er mit einer bitterbösen Satire über die Unbilden der Bewegung nicht nur die verlorene Lebenszeit in Wartezimmern, sondern auch und vor allem den allgegenwärtigen Fitness-Wahn scharfzüngig sezierte - und damit die traumverlorenen Zuhörer in den ganz normalen Wahnsinn des (modernen) Lebens zurück katalpultierte.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen