Jubiläum
Wo die Bürgermeister Dampf ablassen und Kollegen aufbauen

Es ist guter Brauch: Die Bürgermeister aus dem nördlichen Oberallgäu - und auch die Kollegen im Ruhestand - treffen sich regelmäßig, immer dann, wenn Markttag in Kempten ist, also mittwochs. Beim letzten Stammtisch des Jahres überraschte Durachs Bürgermeister Herbert Seger mit einem Jubiläum: «85 Jahre gibt es bereits den Bürgermeister-Stammtisch in Kempten.»

Seit 1925 ist Josef Gallenmiller, ehemals Bürgermeister von Oy, nicht dabei, aber immerhin seit 1972. Von seinem Vorgänger habe er seinerzeit einen Wink bekommen, doch an der Zusammenkunft teilzunehmen. «Wir hatten in der Früh immer Besprechungen in den Ämtern und dann trafen wir uns zum Mittagessen in der Brauerei zur Stadt Hamburg», eine ehemalige Gaststätte in der heutigen Fußgängerzone. «Nachmittags sind dann einige zum Schafkopfspielen gegangen.»

Dass sich die Bürgermeister in Kempten trafen, habe einen praktischen Hintergrund gehabt, weiß Vize-Landrat Anton Klotz, Bürgermeister von Haldenwang. Früher seien in erster Linie Bauern Bürgermeister in den 30 Dörfern des damaligen Altlandkreises Kempten gewesen. Und die kamen am Markttag in die Stadt und wickelten dann auch ihre Amtsgeschäfte ab.

«Das Treffen der Bürgermeister diente damals dem fachlichen Austausch.» Heute sei das freilich anders. «Uns kommt es auf die Kameradschaft an,» sagt Herbert Seger.

Sein ehemaliger Kollege, Altusrieds Altbürgermeister Hans Rausch, erinnert sich, dass die Treffen auch vorzüglich dazu geeignet waren, «Dampf abzulassen». «Und wir haben manch verzweifelten Kollegen seelisch aufgebaut, damit er sich wieder an der Amtsführung freuen konnte,» schmunzelt Anton Klotz. Und gab es auch Rathauschefs mit Marotten? «Ja, die gibt es heute noch,» ist von Heribert Guggenmos, Noch-Bürgermeister von Wiggensbach, zu hören. «Manche schauen zehn Minuten in die Speisekarte und bestellen sich dann doch wieder die Currywurst.

» Und im Neustadt-Engel, wo die Kommunalpolitiker sich nun treffen, gebe es ein spezielles Bürgermeisteressen: Kleines Schnitzel halb und halb. «Halb und halb bedeutet eine halbe Portion Pommes und eine halbe Portion Salat, weil, wir wollen uns ja gesund ernähren.»

Während des Essens habe früher der Stammtischleiter aus einem Fachbuch vorgelesen, kann sich Hans Rausch erinnern. Ja, auch über Ratten- und Maikäferbekämfpung, Maßnahmen gegen Raufhändel und verbotene Spiele seien die Bürgermeister früher informiert worden, blickte Herbert Seger in einer kleinen Ansprache zurück. «Über energetische Maßnahmen gab es noch nichts zu berichten. Es war von Straßenlöchern die Rede, nicht vom Ozonloch.»

Während die Bürgermeister heute mit dem eigenen Pkw vorfahren, sei ganz früher das Pferdefuhrwerk das Verkehrsmittel der Wahl gewesen. Ochsenfuhrwerke wurden laut Seger «aber tunlichst vermieden». Immer wieder habe es nämlich kritische Bürger gegeben, die dem Bürgermeister in diesem Falle nachriefen: «Zieh deinen Karren doch selbst.» Dass es heute doch ganz anders als damals ist, zeigt folgende Geschichte. Altbürgermeister Geiger habe im Stammtischlokal seine Zigarettendepots gehabt. «Zuhause war ihm das Rauchen verwehrt.» - Heute dürfte es umgekehrt sein. Zigaretten bunkert kein Bürgermeister mehr im Lokal, aber der ein oder andere raucht vielleicht in aller Ruhe zuhause.

 

Bürgermeister, ehemalige Bürgermeister und Altbürgermeister feiern, denn 85 Jahre gibts schon regelmäßige Treffen der Rathauschefs (vorwiegend) aus dem nördlichen Oberallgäu. Hinten von links sind zu sehen: Wolfgang Abt (Missen), Toni Barth (Buchenberg), Arnulf Traut (Wildpodsried), Alexander Streicher (Weitnau), Josef Gallenmiller (Oy-Mittelberg), Hans-Ulrich von Laer (Missen), Hans Rausch (Altusried), Thomas Hartmann (Sulzberg), Hans-Peter Koch (Dietmannsried), Herbert Seger (Durach), Heribert Guggenmos (Wiggensbach), Heribert Kammel (Altusried), Arno Zengerle (Wildpoldsried), Roland Helfrich (Betzigau), Theo Haslach (Oy-Mittelberg) und Toni Vogler (Fischen). Sitzend, vorne von links: Anton Klotz (Haldenwang), Berthold Ziegler (Lauben), Hans Kerber (Lauben, jetzt Kreisrat Oberstaufen), Günther Steinle (Sulzberg), Ernst Windmüller (Buchenberg) und Robert Wegscheider (Waltenhofen). Foto: Hermann Ernst

«Gerauft wurde bei den Treffen nie. Schon mal gehörig geschumpfen auf die Regierung, die Welt und die Obrigkeit - aber niemals auf den Landrat.»

Herbert Seger aus Durach in seiner Ansprache zum Jubiläum 85 Jahre Bürgermeistertreffen

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