Oberallgäu
«Wir feiern trotzdem»

Hubert Müller aus Tiefenberg bei Ofterschwang ist froh: Die Arbeit des Sommers ist getan, die Vorräte für den Winter sind angelegt. «Das ist ein schönes Gefühl», sagt der 36-jährige Landwirt. Aus Dankbarkeit, dass das Jahr gut verlaufen ist und man von größeren Unwettern verschont blieb, feiert er gemeinsam mit seiner Familie wie viele andere das Erntedankfest.

«Natürlich feiert man, man ist ja gläubig», sagt Hubert Müller. Dabei ist die Situation für ihn - wie für viele seiner Kollegen - zurzeit alles andere als leicht. Der niedrige Milchpreis macht ihm zu schaffen, er muss kämpfen. Kann es einem da nicht das Erntedankfest verderben, wenn die Anerkennung für die eigene Mühe ausbleibt?

Schließlich produzieren die Bauern Grundnahrungsmittel, die an Erntedank im Mittelpunkt stehen. «Nein», lautet Müllers Antwort, denn: «Die Anerkennung aus der Bevölkerung ist ja da - nur die Entlohnung stimmt nicht.» Er trennt klar zwischen Politik und Religiosität: «Erntedank ist ein Fest des Glaubens. Da könnten die Politiker noch so perfekt schaffen - wenn das Wetter nicht mitspielt, können wir nichts machen.»

Hubert Müller liebt seinen Beruf, kümmert sich mit Leidenschaft um die 40 Milchkühe und 50 Schumpen. Seine Kühe haben sogar noch Namen. 45 Hektar Grünland bewirtschaftet er mit seiner Familie, dazu kommen 25 Hektar auf einer Alpe. «Aufhören ist der letzte Weg», sagt er. «Wo soll das hinführen, wenn keiner mehr weitermacht?» Die Bauern gingen behutsam mit der Natur um, erklärt Müller, deshalb seien sie auch dankbar, wenn die Ernte erfolgreich war. «Wir sind auf eine höhere Gewalt angewiesen.»

Ludwig Mayr aus Freibrechts bei Immenstadt, Landwirt und Mitglied der katholischen Landvolkgemeinschaft, hat vor Kurzem in der Verantwortlichen-Runde des Landvolks eine rege Diskussion geführt. «Wir haben uns überlegt, ob wir wegen der Unzufriedenheit vieler Bauern Erntedank heuer überhaupt feiern sollen», erzählt er.

Das Ergebnis der Gesprächsrunde: «Wir feiern trotzdem.» Denn «für uns Bauern war die Ernte gut, das Gras ist schön gewachsen.» Die Milch, die eine Kuh dann gibt, wenn sie gut ernährt wird, sieht Ludwig Mayr als Gabe Gottes - «genauso wie zum Beispiel Weizen.» Und dafür wolle man dankbar sein. Die Probleme mache der Mensch, betont Mayr.

Seit 50 Jahren arbeitet der 65-Jährige in der Landwirtschaft. Dabei hat er einen Wandel in der Einstellung festgestellt: Früher wäre es noch niemandem eingefallen, Milch in die Grube zu schütten, sagt Mayr. Er selbst versorgt 26 Kühe und ebenso viele Jungtiere - ans Aufhören hat er noch nie gedacht. «Die Wünsche haben sich in letzter Zeit nicht so erfüllt, wie man das gewohnt war», sagt er. Aber er sehe das nicht so negativ. In den vergangenen 50 Jahren habe er Zeiten erlebt, die schlimmer waren.

Wichtig ist dem Landwirt, dass die Bevölkerung hochwertige Nahrungsmittel zu schätzen weiß und auch bereit ist, nicht nur das Billigste zu kaufen. Denn dass gute Milch und andere Produkte auf dem Tisch landen, ist nicht selbstverständlich - da ist sich Ludwig Mayr sicher und deshalb wird er auch mit seinen Berufskollegen das Erntedankfest begehen.

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