Unruhen
Wie ein in Amberg wohnender Ägypter und seine Familie um die Verwandten bangen

Im Amberger Wohnzimmer von Anita Rehle und ihrem Mann Mohamed läuft der Fernseher. Der arabische Sender Al-Dschasira ist eingeschaltet. Das Bild zeigt einen Mann, der inmitten einer Menge steht, immer wieder treffen ihn Faustschläge und Tritte. Es sind Bilder vom Tahrir-Platz aus Kairo. Die Ambergerin kennt den Platz gut, sie hat zwölf Jahre in Ägypten gelebt, dort ihren Mann Mohamed kennengelernt und geheiratet.

Sie blickt auf die Gebäude, die den Schauplatz für die Auseinandersetzungen bilden: «Da in der Nähe haben wir geheiratet.» Der Platz, an dem sie ihren schönsten Tag verbracht hat, gleicht einem Schlachtfeld. «Dieser Ort», sagt sie, «ist nicht nur das Herz von Kairo, sondern auch das Herz von Ägypten. Und es ist so furchtbar, was sie gerade damit machen.»

Familie wohnt in Port Said

Mohameds Familie wohnt immer noch in Ägypten, in Port Said in der Nähe des Suezkanals. Auch dort gibt es Unruhen. «Meine Mutter ist vorsichtig, sie geht frühmorgens aus dem Haus und versucht, Lebensmittel zu kaufen.» Den Rest des Tages verschanzt sich die Familie in der Wohnung. Anita und Mohamed telefonieren täglich zwei Mal nach Ägypten, die besten Nachrichten bestehen dabei immer aus vier Wörtern: Es geht uns gut. Die Verwandten aus Ägypten haben ein deutsches Handy - dessen Netz funktioniert im Gegensatz zum ägyptischen, das Mubarak abschalten ließ, meistens.

Kein normales Leben möglich

Längst hat sich die Wohnung in Amberg in ein Kommunikationscenter verwandelt, das Internet mit den Anwendungen Facebook und Skype läuft ebenso ohne Unterbrechung wie der Fernseher. An ein normales Leben ist derzeit nicht zu denken. «Neulich wollten wir ausgehen, auf einen Faschingsball», sagt Anita und sieht Mohamed an. Nach wenigen Stunden saß man wieder zu Hause und starrte auf den Fernsehbildschirm.

Wenn er könnte, sagt Mohamed, würde er sofort nach Ägypten fliegen. Wenn sein deutscher Schwiegervater nicht vor Kurzem Geburtstag gehabt hätte, würde die Familie wohl auch noch dort sein. Anfang des Jahres heiratete ein gemeinsamer Freund in Ägypten, kurz vor Beginn der Unruhen und einen Tag vor dem Geburtstag ging der Rückflug. Erst in Deutschland hörte Mohamed von den Unruhen.

Die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet, hat Mohamed nicht aufgegeben. «Mubarak muss jetzt gehen, die Leute haben genug von ihm», sagt er, der nun seit gut zwei Jahren mit seiner Familie in Amberg wohnt. Dass sie nach Deutschland gezogen sind, liegt auch an Mubarak. «Wir wollten, dass unser Kind eine Chance hat», sagt Mohamed. «Und das ist in Ägypten nicht möglich.» Der Staatschef habe das Land ausbluten lassen. Bildung gebe es nur gegen Geld oder durch Beziehungen, und schon bei einfachen Behördengängen offenbart sich, wie korrupt der Staatsapparat ist.

«Ich hätte mir als Europäerin vom Führerschein bis zur Aufenthaltserlaubnis alles kaufen können, wenn ich gewollt hätte», erinnert sich Anita, die am Roten Meer einen Beautyshop betrieben hat. Sollte Mubarak nicht jetzt gehen, werde es einen Bürgerkrieg geben. «Die Leute wollen endlich die Chance auf eine Zukunft. Das werden sie sich nicht mehr nehmen lassen.»

 

Gerade mal zwei Wochen ist dieses Foto alt, das Anitas Mann Mohamed mit seiner Tochter Janna zeigt. Die Familie war wegen einer Hochzeit in Ägypten. Foto: privat

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen