Urteil
Widersprüche und DNA-Beweis: Freispruch im Verfahren gegen Asylbewerber (18) in Kempten wegen Vergewaltigung

Freispruch vor Gericht gegen jungen Asylbewerber
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  • Foto: Alexander Kaya
  • hochgeladen von Holger Mock

Die Vorwürfe waren schwerwiegend, die Beweisaufnahme schwierig, die Geschichte widersprüchlich. Am Ende stand ein Freispruch.

Zwei Asylbewerber (18 und vermutlich 17) hätten angeblich einem 18-Jährigen im Bereich der Kemptener Berufsschule Handy und Geldbeutel geraubt. Mit Faustschlägen ins Gesicht hätten sie ihrer Forderung Nachdruck verliehen. Der 18-jährige Asylbewerber kam in U-Haft. In der Hauptverhandlung ließ der angeblich Beraubte dann eine Bombe platzen: Unter Tränen sagte er vor dem Amtsgericht aus, der 18-jährige Asylbewerber habe ihn an diesem Tag vergewaltigt.

Mehrmals habe ihm der Angeklagte mit einer Wodkaflasche während der Vergewaltigung auf den Kopf geschlagen. Also neue Anklage: Schwere Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung. Die Strafe dafür würde hoch ausfallen. Der Fall ging daher ans Landgericht.

Das Landgericht war laut Pressemitteilung dann erst einmal skeptisch wegen "zahlreicher widersprüchlicher Angaben des mutmaßlich Geschädigten". Daher wurde zunächst der Haftbefehl gegen den Angeklagten aufgehoben. Die Widersprüche ließen sich demnach auch in der Hauptverhandlung nicht klären. Vom Raub war vor Gericht schon lange nicht mehr die Rede.

Stattdessen gab ein DNA-Gutachten Aufschluss darüber, was tatsächlich geschehen sein könnte. An der Hose, die der mutmaßlich Geschädigte zur Tatzeit getragen hat, fanden sich Spermaspuren, und zwar mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von ihm selbst und vom Angeklagten. Das wiederum macht es wahrscheinlich, dass der Sex zwischen beiden einvernehmlich war. Der junge Mann soll dem Angeklagten zuvor Komplimente für "dessen tollen Körper" gemacht haben.

Widersprüche und ein DNA-Beweis für vermutlich einvernehmlichen Sex: Das Gericht hat den jugendlichen Asylbewerber freigesprochen.

Anmerkung des Landgerichts in der Pressemitteilung zum Urteil im Wortlaut:

"Insbesondere bei Sexual- und Gewaltdelikten ist häufig eine umfassende und sorgfältige Beweiswürdigung von Zeugenaussagen erforderlich. Im Kern steht die Frage, ob die geschilderten Ereignisse erlebnisbasiert,
tatsächlich passiert sind. Der Bundesgerichtshof hat hierfür hohe Hürden aufgestellt: zunächst ist davon auszugehen, dass ein Zeuge nicht die Wahrheit sagt, die sogenannte Nullhypothese. Hierfür kann es mehrere Gründe geben: so kann ein Zeuge irren, vielleicht Schlüsse aus dem Erlebten ziehen, die er dann als selbst erlebt empfindet, oder er sagt möglicherweise auch bewusst die Unwahrheit. Erst, wenn das Gericht alle Aspekte entkräften kann, die für die Unrichtigkeit sprechen, kann von Wahrheit im Sinne von Erlebnisbasiertheit ausgegangen werden. Kriterien für diesen Erlebnisbezug sind unter anderem die Konstanz einer Aussage über die Zeit und ihr Detailreichtum.

All dies vermisste die Kammer im heutigen Strafverfahren und stieß auf deutliche Widersprüche und Ungereimtheiten. Der Angeklagte wurde daher freigesprochen, er ist für die erlittene Untersuchungshaft zu entschädigen."

Autor:

Holger Mock aus Kempten

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