Oberstdorf
Wenn sich das «Schlechte» als erfrischend gut erweist

Mit 29 Jahren schrieb Felix Mendelssohn-Bartholdy die Sonate für Violine und Klavier F-Dur, ein Werk, mit dem er nicht recht zufrieden war. Ein Jahr später begann er mit der Überarbeitung, brachte diese aber nicht zu Ende. Die Sonate blieb unveröffentlicht, wurde vor rund 50 Jahren nochmals durch den Geiger Yehudi Menuhin bearbeitet. Nun, zum 200. Geburtstag des Komponisten, wurde die Erstfassung der Sonate publiziert.

Violindozent Eckhard Fischer spielt das Stück im traditionellen Dozentenkonzert des Oberstdorfer Musiksommers, am Klavier begleitet von Christan Köhn. Die Dozenten werden dabei weitere selten zu hörende Kammermusik von Jörg Widmann, Daniel Schnyder, Mike Mower und Dmitri Schostakowitsch aufführen. Veronika Krull unterhielt sich mit Eckhard Fischer über die «unbeliebte» Mendelssohn-Sonate.

Mendelssohn selbst hat seine Sonate nicht gefallen: Er bezeichnete das Werk später in einem Brief als «eine schlechte Sonate». Sehen Sie das auch so?

Eckhard Fischer: Nein, ich sehe das als ein sehr gutes Stück an, als sehr erfrischend. Ich weiß nicht, was Mendelssohn mit seiner Bemerkung meint. Vielleicht hat er keine guten Erfahrungen mit dem Werk gemacht. Es ist wirklich ein sehr schönes Stück, sehr erfrischend, sehr interessant.

Was, glauben Sie, hat den Komponisten zu diesem harschen Urteil bewogen?

Fischer: Ich kanns nicht sagen. Es gibt ja eine zweite Fassung von ihm, da hat er im ersten Satz so manches geändert. Irgendjemand hat ihn vielleicht dazu bewegt. Durch die Änderungen ist das Stück jedenfalls nicht einfacher geworden, manche Passagen sind einfach nur geigerischer.

Warum spielen Sie das Stück?

Fischer: Klar, die neue Ausgabe vom Bärenreiter-Verlag hat uns beide, den Pianisten und mich, gereizt. Es gibt ja eine Bearbeitung von Yehudi Menuhin, die aber das Original relativ verfälscht. Jetzt ist das für uns eine willkommene Gelegenheit, den Urtext zu spielen.

Sie sind zum wiederholten Mal in Oberstdorf. Wie gefällt Ihnen die Festivalatmosphäre?

Fischer: Ich glaube, ich bin zum 15. Mal in Oberstdorf. Es ist hier etwas ganz Besonderes: natürlich die Umgebung, aber auch die Idee von Peter Buck, dem Initiator und künstlerischen Leiter. Er hat eine sehr gute Mischung gefunden von Dozenten und Studenten. Und er ist ein langfristig denkender künstlerischer Leiter, eigentlich unglaublich treu, weil er mit den Leuten, mit denen er angefangen hat, auch weiter macht.

Bei allem Neuen - es ist immer eine Kontinuität in Oberstdorf. Das ist schon fast ein wenig familiär: Man trifft sich jedes Jahr wieder. Das schafft eine besondere Atmosphäre. Dabei hat Peter Buck sicherlich genügend Angebote, um jedes Jahr einen neuen Musiksommer machen zu können.

Was geben Sie Ihren Schülern hier in Oberstdorf mit auf den Weg?

Fischer: Ich versuche - ob das gelingt, weiß ich nicht - die Schüler, die ja sehr unterschiedlich von ihrem musikalischen Niveau und vom Typ her sind, dort abzuholen, wo sie sich befinden. Ich will nicht zerstören, was sie sich erarbeitet haben, sondern eine Bereicherung schaffen. Ich versuche, Anregungen zu geben, in welche Richtung man weiterarbeiten kann. Wir sind ja nur zehn Tage hier - das ist ein Unterschied zu den eigenen Schülern an der Hochschule.

Konzerttermin: Die Dozenten der Meisterkurse spielen heute, Donnerstag, 6. August, um 20 Uhr in der Evangelischen Christuskirche in Oberstdorf.

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