Sulzberg
Wenn ohne Glücksspiel nichts mehr geht

Erst investierte er den Lohn fürs Zeitungen austragen. Dann wanderte die Ausbildungsvergütung in die Automaten. Am Ende nahm der 28-Jährige Kredite auf, um seine Spielsucht zu finanzieren. Sein Name bleibt ungesagt, aber er erzählt von Stunden, Tagen, ja ganzen Wochenenden, die er 14 Jahre lang in Spielhallen und Kasinos verbrachte - immer auf der Jagd nach dem großen Gewinn und auf der Flucht vor Problemen. Nach einem Suizidversuch entschied er schließlich, es müsse sich etwas ändern und landete im Römerhaus in Sulzberg.

Die Fachklinik im Oberallgäu ist die erste bayernweit, in der seit Juli neben Alkohol- und Drogenabhängigen auch pathologische Spieler behandelt werden. Das gab Klinikleiter Gotthard Lehner gestern bei einer Pressekonferenz bekannt. «Glücksspielsucht ist die häufigste, nicht an eine Substanz gebundene Sucht», sagt der Sozialtherapeut. Allerdings herrsche bei Laien oft das Vorurteil, es gebe nur Abhängigkeit von Rauschmitteln, wie Drogen und Alkohol. «Spielsucht wird oft nicht als Krankheit, sondern als Fehlverhalten gesehen», kritisiert der 28-jährige Betroffene. Tatsächlich aber war diese Form der Abhängigkeit schon im 19. Jahrhundert ein Problem und das Glücksspiel wurde damals laut Lehner rigide verboten.

Hohe Dunkelziffer

«Spielsüchtige tauchen im Vergleich zu anderen Abhängigen eher selten bei der Suchthilfe auf», sagt Andreas Czerny, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. Das liege hauptsächlich daran, dass Spielen weniger die physische Gesundheit schädige. Die Dunkelziffer sei dennoch hoch. Die geschätzte Zahl in Bayern reicht laut Lehner von 16000 bis 44000 Betroffenen. Drei bis vier Prozent davon sind Frauen.

Wie bei jeder anderen Sucht, so der Klinikleiter, geht es auch beim Spielen irgendwann nicht mehr um das Suchtmittel, sondern nur noch um die psychische Wirkung, die dadurch ausgelöst wird. «Ich bin irgendwann spielen gegangen, weil ich dabei meine Probleme vergessen konnte, weil ich mich dabei gut gefühlt habe», erzählt der 28-Jährige.

6000 Euro war die höchste Summe, die er an einem Abend verzockt hat. Natürlich hat er auch immer wieder gewonnen - «manchmal sogar ein paar Tausend Euro», erzählt er. Dieses Geld habe er sofort wieder ins Spiel investiert. Am häufigsten steckte er es in Automaten und damit ist er kein Einzelfall. «Fast 80 Prozent aller Spielsüchtigen sind Automatenspieler», sagt Czerny von der Landesstelle Glücksspielsucht.

Er ist nach seinen Worten froh, dass es in Bayern nun endlich eine Klinik für die Therapie pathologischer Spieler gibt. Elf Patienten im Alter zwischen 26 und 55 Jahren wurden dort seit Juli aufgenommen. Sie sind alle abhängig vom Glücksspiel. Grundsätzlich jedoch werden im Römerhaus auch Computerspielsüchtige aufgenommen.

Außerdem werden Gespräche für Angehörige angeboten, denn die leiden meist mit und sind oft die erste Anlaufstelle, wenn der Betroffene sich Geld leiht oder es stiehlt, sagt Psychiater Wolf-Michael Schreiber.

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