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November 2019

Berufsbild
Wenn man vom Tod lebt: Ein Kemptener Bestatter erzählt

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Eine Arbeitsumgebung, die Nicht-Bestatter eher als bedrückend empfinden. Ein Regal mit Urnen, ein Präsentationsraum mit Särgen, eine Kleiderstange mit Leichenhemden. Kurt Eberhard (55) arbeitet in dieser Umgebung seit 32 Jahren.

[p]Seit 1950 existiert sein Bestattungsinstitut. Der Vater hatte es nach dem Krieg gegründet. Die Entscheidung für den Beruf des Bestatters fiel Kurt Eberhard eher leicht. Er hat seinen Vater schon als Kind zu Beisetzungen begleitet. Der Umgang mit Verstorbenen war ihm also von klein auf vertraut. Erlernen musste er dagegen den Umgang mit den Hinterbliebenen, die Beratung, das Sich-Hineinfühlen und gleichzeitig auch das Sich-Abgrenzen.

Ein außergewöhnlicher Beruf

Sein persönliches Umfeld, Freunde und Familie, kam mit der Berufswahl gut zurecht. Aber: "Natürlich stehst du als Bestatter immer im Rampenlicht von Schauermärchen oder Witzen." Ausgrenzung gab es vereinzelt auch, Bestatter sind nicht überall beliebt. Mit Mädchen gab es dagegen für den damals jungen Berufseinsteiger kaum Probleme, die "interessierte das sogar, über Beerdigungen zu reden. Die Aura, die der Tod mit sich bringt, ist für viele natürlich auch interessant." In dieser Anfangsphase hat er auch Diskretion gelernt. Herausgefunden, was er anderen erzählen darf und was nicht. Ein Bestatter, zu dem die Menschen kein Vertrauen haben, wird kaum erfolgreich sein.

Kein schöner Anblick

Der Bestatter erlebt extreme Situationen, jeden Tag aufs Neue. Menschlich extrem, wenn Kinder sterben oder wenn ein Familienvater Suizid begeht. Aber auch handwerklich extrem, wenn eine Leiche bereits mehrere Tage oder gar Wochen unentdeckt blieb und der Verwesungsgeruch einen an die Grenze des Erträglichen bringt. Dann arbeitet der Bestatter manchmal mit Schutzanzügen, Handschuhen, Schürzen und Geruchsmasken. In über 30 Jahren Berufserfahrung gibt es kaum etwas, das Kurt Eberhard nicht schon erlebt hätte. Inklusive Mord- und Totschlagsopfer, Wasserleichen und durch Bahnunglücke völlig zerstörte Körper. Erlebnisse, die bei "normalen" Menschen Albträume verursachen.

Ich träume nicht schlecht

Für ihn war von Anfang an bei der Berufswahl klar, dass er in solche Extremsituationen kommen kann. Es kommt zwar vor, dass es mal "ein paar Stunden oder eine Nacht sein kann, in der man mit der Situation arbeitet." Albträume hat er deswegen aber keine. Ihn beschäftigen dann eher die zwischenmenschlich-psychologischen Hintergründe, die Frage nach dem "Warum".

Immer in Bereitschaft

"Der Tod kommt, wann er kommt. Ob am Heiligen Abend, im Fasching, Silvester. Wenn der Tod eintritt, heißt das, dass wir gefordert sind." Ständige Ruf- und Einsatzbereitschaft betrifft den Bestatter wie kaum einen anderen Berufszweig. Meist muss es schnell gehen, der Verstorbene soll abgeholt werden, die oft überforderten Angehörigen brauchen sofort Unterstützung bei Organisatorischem. Das ist belastend, auch für das Familienleben des Bestatters. "Die ständige Rufbereitschaft ist eine sehr nervenzehrende Sache. Es reicht auch nicht, wenn ich alleine bin, es muss mindestens eine zweite oder dritte Person da sein, die mithelfen kann, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit."

Auch mal was zu Lachen

Der Beruf des Bestatters ist nicht immer traurig und trübselig. Auch in dieser Branche gibt es mal etwas zu Lachen, kuriose Situationen, lustige Reaktionen und Missgeschicke, die komisch sind. Wenn beispielsweise bei der Versorgung eines Leichnams, wenn die Stimmung eigentlich eher drückend ist, "draußen die Blasmusik plötzlich zum Neujahrskonzert vorstellig wird". Für die Trauernden natürlich nicht lustig ist die Situation, wenn der Trauerredner die Namen verwechselt, wenn er statt Wilhelm Max sagt oder statt der gewünschten klassischen Musik versehentlich ein Hardrocktitel anläuft, dann darf der Bestatter auch mal schmunzeln.

Schwarze Schafe

Trauernde sind leichte Beute. Wer trauert, kann manches nicht richtig einsortieren, nicht wirklich beurteilen, ob der Preis für einen Sarg zu hoch ist, ob die Trauerfeier zu üppig gestaltet ist. Nicht selten hört man von Bestattern, die genau das ausnutzen und ihre Kunden finanziell über den Tisch ziehen. Kurt Eberhard kennt die Gerüchte über unseriöse Kollegen. Fest steht: Das Bestattungsunternehmen unterliegt genauso wirtschaftlichen Zwängen wie jeder andere Betrieb auch.

"Ich persönlich versuche die wirtschaftlichen Interessen in Gleichklang zu bringen mit dem, was die Angehörigen im Trauergespräch wollen, was man erarbeitet, wie die Bestattung durchgeführt werden soll, dass man das fair und anständig macht. Dann kann ich am nächsten Tag auch wieder in den Spiegel schauen. Ohne die Angehörigen zu übervorteilen, zu betrügen. Es muss mit offenen Karten gespielt werden: Diese Leistung kostet soundso viel, die muss so viel kosten, weil ja das Personal, die Kurierfahrten, das ganze Drumherum dementsprechend viel kostet."

Körper und Seele sind zweierlei

Seine persönliche Sichtweise auf den Tod ist religiös geprägt. "Für mich persönlich sind das zwei Dinge: Der Leichnam, der versorgt werden muss, und die Seele. Es gibt für mich eine Art Weiterleben nach dem Tod. Es macht mir die Arbeit leichter."

Autor:

Holger Mock aus Kempten

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