Oberallgäu
Wenn immer weniger singen wollen

Conny Jordan (71) schlägt Alarm: Wenn die negative Tendenz weiterhin anhalte, seien «in naher Zukunft rund 80 Prozent der Männerchöre in ihrer Existenz gefährdet». Der Werbeleiter im Ruhestand ist aktiver Sänger im Männerchor «Eintracht» Burgberg und als zweiter Vorsitzender zuständig für den Nachwuchs. Wenn es ihn denn gäbe.

Dem Chor, im Jahre 1863 gegründet, gehören derzeit 33 Aktive an. Das Durchschnittsalter: 66 Jahre. Ein Alter, in dem auch Stimmkraft und Kondition nachlassen können. Dass nicht nur die Burgberger Sänger von Nachwuchssorgen geplagt werden, beweist eine kleine Umfrage unter den Nachbarchören.

Schräges für die Sagenspiele

«Es gibt immer weniger, die singen wollen», bestätigt Thomas Kroll, Dirigent des Männergesangvereins Fischen. Auch sein Oberstdorfer Kollege Johannes Böhm gibt unumwunden zu: «Ja, wir haben ein Problem.» Er wird bestätigt durch Ernst Lutzenberger, erster Vorsitzender der Sängergesellschaft Bad Hindelang.

Lediglich der Männerchor Kleinwalsertal, dessen 29 Mitglieder «nur» zur Hälfte in Pension sind, scheint gegen den Strom zu schwimmen: «Nachwuchs», sagt Obmann Thomas Müller, «ist nicht das große Problem». Schwieriger sei es vielmehr, Leute zu finden, die den Chor führen wollten.

Das Walser Ensemble, das «immerhin einige junge Sänger» aufweisen kann, fällt sowieso ein wenig aus dem Rahmen. Der Chor hat nicht wie die anderen hundert Jahre und mehr auf dem Buckel, sondern wurde erst 1974 neu gegründet. Und die Gruppe konnte vor acht Jahren mit einer pfiffigen Aktion neue und junge Sänger gewinnen, erzählt Müller. Damals habe der Chor anlässlich der Kleinwalsertaler Sagenspiele auf dem Gemeindeplatz «ganz schräge Lieder» gesungen und Szenen gespielt. «Da ist der Funke übergesprungen.»

Vielleicht, meint Thomas Müller, «haben wir aber einfach auch Glück gehabt.» Denn auch die Chöre jenseits der Landesgrenze sehen nicht tatenlos dem Mitgliederschwund zu, für den es nach Ansicht der Diri-genten und Vorsitzenden gleich mehrere Gründe gibt. «Die Leute wollen sich nicht mehr so binden», verweist Ernst Lutzenberger von den Hindelanger Sängern auf die wöchentlichen Proben. Müller nickt: «Die Menschen setzen mehr auf Individualität.» Ein Generationsproblem vermutet Conny Jordan aus Burgberg, sein Dirigent Peter Kraus glaubt, dass die Zeit der großen Massenchöre vorbei sei: «Gefragt sind eher kammermusikalische Ensembles mit acht bis 12 Sängern.»

Von einem «veränderten Freizeitverhalten» mit mehr Ablenkungen als früher spricht Thomas Kroll vom Fischinger Chor, Johannes Böhm aus Oberstdorf führt die mangelnde Bindungslust auch auf den gestiegenen Druck im Job, längere und unregelmäßige Arbeitszeiten zurück. Er verweist aber auch auf ein nicht mehr zeitgemäßes Image («laut und viele Trinklieder»). Oder ist Singen bei jungen Leuten, die mit Musik im Ohr aufwachsen, schlicht «aus der Mode», wie Thomas Kroll zu bedenken gibt.

Erfolg mit Einzelgesprächen

Er setzt auf Einzelgespräche, auch mit den Sängersöhnen, um jüngeren Leuten das Singen im Männerchor schmackhaft zu machen. Denn «Plakate sind nicht so ganz der Erfolg.

» Thomas Müller aus dem Kleinwalsertal sieht es ähnlich: «Herumjammern nützt nichts.» Auch er empfiehlt, die Leute direkt anzusprechen und mindestens zwei bis drei neue Sänger gleichzeitig zu rekrutieren - aus «Generationsüberlegungen». Johannes Böhm setzt ebenfalls auf persönliche Besuche - «bringt auf jeden Fall mehr als der Flyer im Briefkasten». In Burgberg will man jetzt mit regelrechten «Werbeserenaden» potenzielle Sänger ansprechen.

Serenaden: Der Burgberger Männerchors tritt am heutigen Mittwoch, 22. Juli, mit Alphornbläsern und am Mittwoch, 29. Juli, mit dem Gospelchor Sonthofen jeweils um 19.30 Uhr auf dem Marktplatz in Burgberg auf (bei Regen im Markthaus).

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ