Westallgäu
«Wenn Hartz IV kommt, dann geht gar nichts mehr»

Bei Familie H. gibt es heuer keinen Christbaum. Das Angebot eines Nachbarn, der ihnen ein Exemplar aus Kunststoff schenken wollte, lehnten sie ab. Es ist schlicht kein Platz für einen Baum, seit Michael und Susanne H. (alle Namen geändert) ihr Schlafzimmer an ihre fünfjährige Tochter Marie abgetreten haben. Das Ehepaar schläft jetzt auf einem Ausziehsofa im Wohnzimmer. Wo soll da noch ein Christbaum hin? Eigentlich hatte die fünfköpfige Familie ja gehofft, bald aus ihrer 60-Quadratmeter-Wohnung in eine größere umzuziehen - doch im März wurde Michael H. arbeitslos. Es sollte nicht der einzige Rückschlag im Jahr 2009 für die in einem mittelgroßen Westallgäuer Ort lebende Familie bleiben. Zwei Tage vor der Einschulung des Ältesten, Lukas, erlitt seine Mutter Susanne H. einen Schlaganfall. Die 31-Jährige ist inzwischen auf dem Weg der Besserung. Sie freut sich auf Weihnachten - vor allem für die Kinder.

Viele Bewerbungen geschrieben

Wenn Michael und Susanne H. von all dem erzählen, was die Familie im ablaufenden Jahr erlebt hat, tun sie das ohne Klage. Sie berichten nüchtern und chronologisch, wie sich die Dinge ereigneten: Im März verlor der 33-jährige Industriekaufmann Michael H. seinen Arbeitsplatz bei einer krisengegeschüttelten Westallgäuer Firma. Er hat danach viele Bewerbungen geschrieben. Bis zum September. «Als meine Frau so krank geworden ist, hab ich nicht mehr viel Kraft gehabt, etwas zu unternehmen», erzählt er. «Da ging es erst mal darum, die Kinder zu versorgen.» Dazu kamen die Fahrten nach Augsburg, wo die Erkrankte in einer Spezialklinik behandelt wurde, und die Verhandlungen mit Rentenversicherung und Krankenkasse über die Kostenübernahme der Rehabilitationsmaßnahmen. All das nahm seine Zeit und seine Energie in Anspruch.

Im November musste Susanne H. nochmal operiert werden. Bei dem Eingriff am Herzen hat sie viel Blut verloren. Danach hatte sie das Gefühl, die ganze Reha sei umsonst gewesen.

Langsam geht es wieder bergauf. Die junge Frau ist noch immer stark eingeschränkt. Sie hat Taubheitsgefühle, ihr Sehvermögen ist eingeschränkt und bei allen Tätigkeiten muss sie sich stark konzentrieren. «Ich hatte mein Kurzzeitgedächtnis fast vollständig verloren», sagt sie.

«Manchmal möchte ich aufgeben»

Als die Kinder in den letzten Wochen der Reihe nach krank wurden, spürte die Mutter die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Schlimmer als unter körperlichen Einschränkungen empfindet Susanne H. ihre psychischen Schwankungen. An manchen Tagen fühlt sie sich stark, an anderen würde sie am liebsten aufgeben.

«Da war ich schon an dem Punkt, dass ich zu meinem Mann sagte: Such dir eine andere Frau, die besser für dich und die Kinder da sein kann.»

Das sind die Momente, in denen es auch Michael H. zu viel wird. Er ist eigentlich kein Mensch, der schnell resigniert. «Wir haben schon öfter ein Tief durchgemacht. Und ich weiß, dass man immer wieder rauskommt.» Die Familie hat von verschiedener Seite Hilfe erfahren: Caritas und Pro Familia kümmerten sich um kurzfristige Zuschüsse, als die Krankheit sie vor schwer lösbare finanzielle Probleme stellte, eine heimische Bank erließ sogar einen vierstelligen Kredit, und die Nachbarn - selbst Hartz IV-Empfänger - standen auch bereit.

Familie H. kommt mit wenig Geld aus. Sie kauft im Tafelladen und im Kleiderladen des Kinderschutzbundes ein. «Ich bin kein Konsummensch», sagt Susanne H. Trotzdem: Das ständige Rechnen zerrt manchmal an den Nerven.

Michael H. weiß, dass sich bald etwas ändern muss. Im März droht ihm Hartz IV - «und dann geht gar nichts mehr.» So wird er an den Feiertagen wieder viele Bewerbungen schreiben. H. meint, dass es im Januar klappen müsste: «Ich habe hervorragende Zeugnisse», sagt er.

Noch spüren die Kinder im Alter von zwei, fünf und sieben Jahren nicht viel von den finanziellen Sorgen ihrer Eltern.

Sie besuchen das Fußballtraining und die musikalische Früherziehung - nur die Weihnachtsgeschenke fallen etwas bescheidener aus als bei manch anderer Familie: ein Buch mit Sandmann-Geschichten, ein Puzzle, eine CD und ein Puppenwagen, den es im Tafelladen für vier Euro gab. Der Wunsch von Lukas, eine Rennbahn, wird wohl nicht erfüllt. «Dafür reicht es nicht», sagt Michael H..

Geschenke unter dem Fenster

Auch ohne Christbaum schaut die Wohnung weihnachtlich aus. Ein Plätzchenteller und ein Adventskranz stehen auf dem Tisch. Susanne H. und ihre Kinder haben ein Fenster schön geschmückt mit einem Tannenbaum-Bild, Watte und Figürchen. Hier legt das Christkind seine Geschenke sicher gerne ab.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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