Memmingen
Wenn eine Liebe in der Katastrophe endet

Mit der antiken Tragödie «Medea» eröffnet das Landestheater Schwaben am Freitag, 2. Oktober, die Spielzeit 2009/2010. Hausherr Walter Weyers selbst inszeniert das Stück nach der Fassung von Hans Henny Jahnn. Brigitte Hefele-Beitlich sprach mit ihm über die Probenarbeit, aber auch über die Finanzen der Landesbühne.

Herr Weyers, Sie arbeiten seit knapp vier Wochen an der Medea. Worauf darf das Publikum gespannt sein?

Weyers: Medea ist, seit Euripides den Mythos vor über 2500 Jahren aufgeschrieben hat, eine der komplexesten Frauenfiguren der Dramengeschichte - nicht zuletzt deshalb kann man sich auch heute noch mit ihr identifizieren. Sie hat den Mut, für Jason alles aufzugeben und aus ihrer Kultur auszubrechen. Diese große, romantische Liebe ist eine thematische Leitlinie für mich.

Romantisch? Diesen Begriff bringt man nicht unbedingt mit der grausamen Gatten- und Kindsmörderin in Verbindung!

Weyers: Das meine ich natürlich nicht im Sinne von sentimental, sondern im Sinne der Epoche Romantik, die ja auch das Abgründige mit einschloss. Wenn die Liebe zugleich exzessiv und zart ist, voller Hinwendung, aber auch rücksichtslos egomanisch, kann sie leicht in der Katastrophe enden. Der Mensch ist ein Geschöpf, das alles in sich trägt. Wenn Frauen heute ihre Kinder in Blumentöpfen auf dem Balkon verscharren, zeigt das, wozu sie - leider - fähig sind. Eine große Rolle spielen aber auch Fragen zur Geschlechterrolle und das Thema Rassismus.

Warum haben sie dafür die Jahnn-Fassung gewählt?

Weyers: Jahnn hat den Stoff stark sexualisiert, seine Sprache ist kurzatmiger, exzessiver und in der Wortwahl näher bei uns - und er hat die Medea schwarz gemacht.

Ist sie das auch in Ihrer Inszenierung?

Weyers: Da bin ich mir seit heute nicht mehr sicher. Ursprünglich sollte sie schwarz geschminkt sein, inzwischen fragen wir uns, ob sie dadurch nicht zu sehr in ein Raster gesteckt wird. Man kann dem Publikum im Theater nur vorsetzen, woran man selber glaubt, einfache Lösungen gibt es da nicht. Was diesen Aspekt angeht, warte ich noch auf den Ruf meiner inneren Stimme.

Aber das Bühnenbild steht doch bestimmt schon?

Weyers: Sabine Manteuffel und ich haben uns erstmals, seit ich hier arbeite, dafür entschieden, die Schauspieler in den Probenkostümen agieren zu lassen. Das ist allerdings keine private Kleidung, sondern irgendetwas Schwarzes aus dem Fundus. Und gerade dadurch wollten wir alle Privatheiten aus dem Blick kriegen.

Die Bühne selbst ist eine Mischung aus Chiffre und verwahrlostem Innenraum, der für die brüchige, heillose Welt steht.

Vor der Sommerpause wollten sie keine Auskunft mehr zur finanziellen Situation des Landestheaters geben. Deshalb jetzt noch einmal die Frage: Wie stehen die Finanzen?

Weyers: Inzwischen haben sowohl der Zweckverband als auch der Freistaat Bayern die Zuschüsse um je fünf Prozent aufgestockt: die Mitglieder zahlen 1,026 Millionen, der Freistaat 1,1 Millionen Euro. Außerdem bekommen wir einen einmaligen Zuschuss von 50 000 Euro für die besondere Belastung als Landesbühne. Das reißt uns zwar noch nicht aus der Gefahrenzone und kann die früheren Kürzungen nicht ausgleichen, ist aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass der Spielbetrieb in diesem Umfang nur aufrecht erhalten werden kann, weil hier jeder mit eiserner Disziplin und für zwei arbeitet.

Inszenierung Regie: Walter Weyers; Ausstattung: Sabine Manteuffel; Hauptrollen: Joséphine Weyers (Medea), Dino Nolting (Jason).

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