Westallgäu
Wenn die Sicherheitstechnik zur Gefahr wird

Moderne Fahrzeugtechnik hilft heute Unfälle zu vermeiden. Und wenn es doch mal kracht, überstehen Autoinsassen dank stabil gebauter Fahrzeuge Unfälle oft glimpflich. Die Stabilität der Autos bereitet den Feuerwehren im Ernstfall aber auch Probleme: Mit älteren hydraulischen Rettungsscheren und Spreizern gelingt es nicht mehr jedes Wracks «aufzuschneiden». Wir haben darüber mit Kreisbrandrat Friedhold Schneider gesprochen.

Warum haben Feuerwehren bei schweren Unfällen denn mitunter Probleme?

Schneider: In Autos werden heute hochfeste oder ultrahochfeste Stähle verbaut, um die Sicherheit der Fahrgastzellen zu erhöhen. Entsprechend viel Kraft muss eingesetzt werden, um Menschen aus einem Fahrzeugwrack zu befreien. Da stößt die Feuerwehr mit ihrem technischen Gerät an ihre Grenzen. Mit einem zehn oder 15 Jahre alten Gerät hast du keine Chance. Die Feuerwehren müssen also ständig nachrüsten. Echte Probleme können auch Lkw-Unfälle verursachen. Dort kommt erschwerend die Höhe dazu. Um den Lkw-Fahrer in seiner Kabine zu erreichen sind spezielle Gerüste nötig. Zudem sind die Helfer körperlich besonders gefordert. Alleine die Fahrertür eines Lkw kann 80 Kilogramm wiegen. Die hebe ich nicht einfach so mal schnell weg.

Wie viele Feuerwehren im Landkreis sind mit Rettungssätzen ausgestattet?

Schneider: Zwölf Feuerwehren im Landkreis sind mit Rettungssätzen ausgestattet, acht davon mit modernen. Wir sind im Landkreis also ganz gut aufgestellt. Bei dem Notruf «eingeklemmte Person» rücken zudem immer zwei Rettungssätze an, falls einer zahlenmäßig nicht reicht, oder zu schwach sein sollte.

Die Feuerwehren wünschen sich einen Art Code an einem festen Platz im Auto, an dem sie schnell den genauen Typ erkennen kann. Warum?

Schneider: Für eine schnelle Rettung müssen die Einsatzkräfte wissen, wo genau sie anpacken können und müssen. Deshalb gibt es für jeden Autotyp einen Rettungsleitfaden, der teilweise über Computer in Einsatzautos der Feuerwehren mitgeführt wird. Nur ist angesichts der Fülle an verschiedensten Modellen nicht auf Anhieb zu erkennen, welche Marke es ist, welcher Typ, welches Baujahr. Ein Beispiel: Früher war klar, wo in einem Auto die Batterie ist, heute kann sie fast überall sein.

Das klingt nach einer schwierigen Arbeit

Schneider: Das ist es auch. Von den Helfern wird viel Wissen über Mechanik und die Fahrzeugtechnik verlangt. Dazu ist es eine körperlich anstrengende Arbeit. Ein hydraulischer Spreizer wiegt 25 Kilogramm. Den müssen die Helfer teils über längere Zeit in schwierigen Haltungen bedienen können.

Wie lange kann eine Personenrettung dauern?

Schneider: Bevor die Feuerwehr am Unfallort aktiv wird, ergreift der Notarzt erst einmal lebensrettende Maßnahmen. Erst wenn die Lage des Verunglückten sich stabilisiert hat, können wir mit der sogenannten patientengerechten Rettung beginnen. Dabei versuchen die Feuerwehren mit viel Aufwand und Hand in Hand mit dem Rettungsdienst eingeklemmte Menschen so schonend wie möglich zu befreien. Das kann durchaus 30 Minuten und länger dauern.

Etwas anderes ist die sogenannte «Crash-Bergung». Da geht es nur darum, jemanden so schnell wie möglich aus seinem Fahrzeug zu holen, beispielsweise weil es brennt oder der Mensch sonst stirbt.

Wie werden denn die Helfer für solche Einsätze vorbereitet?

Schneider: Jedes aktive Mitglied einer Feuerwehr, die über einen Rettungssatz verfügt, wird entsprechend geschult. Das geschieht über Lehrgänge in der Feuerwehrschule Geretsried. Worauf man sich schlecht vorbereiten kann, ist die psychische Belastung bei schweren Unfällen. Bei einer Rettung geht es noch, weil jeder Helfer die Hoffnung hat, jemanden lebend aus einem Fahrzeugwrack zu holen. Anders ist es bei Totenbergungen. Zu acht davon sind die Feuerwehren im Landkreis allein im vergangenen Jahr ausgerückt.

Da bekommen die Helfer oft fürchterliche Bilder zu sehen, die einen Stunden und Tage verfolgen.

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