Wenn die Schulwelt Kopf steht

Kaufbeuren | chs | Verkehrte Schulwelt: Seit Anfang 2007 dürfen Schüler auf dem Online-Portal 'spickmich.de' ihre Lehrer benoten und persönliche Kommentare abgeben. Letzteres missfällt vielen Pädagogen. Doch vor Gericht scheiterten sie bisher.

Eine Deutsch- und Religionslehrerin vom Niederrhein fühlte sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt und forderte die Löschung ihrer Daten aus dem Internet-Portal. Das Kölner Landgericht hingegen verwies auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit und war laut Urteil der Ansicht, dass eine Verletzung der allgemeinen Persönlichkeitsrechte nicht vorliege. Die AZ fragte nach, wie das Internet-Portal in Kaufbeuren ankommt.

Etwas zwiespältig betrachtet Werner Altmann, Direktor des Jakob-Brucker-Gymnasiums, den Sprössling des Web 2.0. Einerseits sei es positiv, dass auch die Schüler nun eine Möglichkeit haben, ihre Lehrer zu bewerten. Andererseits sei bei den Bewertungen nur 'ein temporäres Gefühl entscheidend', so Altmann und ergänzt: 'Es fehlt die Pflege dieser Wertungen'. So befürchtet der Schulleiter, dass direkt nach Konfliktsituationen abgegebene Kopfnoten nach einer Klärung nicht mehr korrigiert werden, und damit der Ruf eines Lehrers schnell in ein falsches Licht geraten könne.

Viele seiner Kollegen, so Altmann, holten sich ihr Feedback lieber direkt von ihren Schülern, und teilten Fragebögen aus, die dann anonym ausgefüllt werden können. Die Ergebnisse seien für die Lehrer wesentlich brauchbarer und bezögen sich auf das Unterrichtsfach. Es könne ja durchaus sein, dass auch die Lehrer in bestimmten Fächern Stärken und Schwächen haben. Und genau diese Differenzierung gebe es bei spickmich.de nicht, so Altmann.

Ähnlich sieht auch Bernd Kerber, stellvertretender Schulleiter der FOS/BOS Kaufbeuren, die Situation. Seine Lehrer legten ebenfalls mehr Wert auf die selbst ausgeteilten Fragebögen als auf die Beurteilungen von spickmich.de. 'Eine Evaluation ist nur dann positiv, wenn sie richtig gemacht wird', so Kerber.

Die Betreiber von spickmich.de selbst werben damit, 'Gesprächsthema Nummer Eins auf den Pausenhöfen' zu sein.

Da wirkt es geradezu ernüchternd, dass sowohl von den Schülern des Jakob-Brucker-Gymnasiums sowie auch von denen der Fach- und Berufsoberschule zu wenig Anmeldungen vorliegen, um eine Benotung abgeben zu können. So liegen vom Jakob-Brucker-Gymnasium lediglich 25 Anmeldungen vor, wovon nach Angabe Altmanns zwei von Lehrern selbst sind. 'Bei 800 Schülern ist das ein Tropfen auf den heißen Stein', so der Direktor.

Das hiesige Desinteresse an spickmich.de spiegeln auch die jugendlichen Passanten in der Fußgängerzone wider, die die AZ zum vermeintlichen 'Gesprächsthema Nummer Eins' befragten. So kannte die eindeutige Mehrheit der Befragten das Online-Portal überhaupt nicht. Ein paar wenige haben 'nur mal davon gehört'. Eine davon ist die 17-jährige Hauptschülerin Christine. Sie findet die Idee zwar 'ganz gut', glaubt aber, dass spickmich.de wohl eher dazu diene, einfach einmal Frust abzulassen, als konstruktive Kritik abzugeben.

Aktiver Teilnehmer am spickmich.de-Portal war keiner der Befragten.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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