Special Muttertag SPECIAL

Bundeswehr
Wenn der Partner und Papa der Kinder am Muttertag in Afghanistan ist

Muttertag. Vergangenes Jahr hat Sandra eine Tasse Kaffee ans Bett gebracht bekommen. Von ihrem Mann Holger, Sohn Jonas und Tochter Anna. Heuer muss die 31-Jährige das Bild im Wohnzimmer anschauen, wenn sie ihren Mann (36) am Muttertag sehen will.

Es zeigt einen freundlich dreinblickenden Mann in Bundeswehr-Uniform. Anna hat es dort hingestellt. Wenn es mal nicht nach ihrem Kopf geht, steht die Dreijährige davor und schluchzt «Papa, Papa, ich miss dich!», erzählt Sandra. Holger ist Berufssoldat und für die ABC- und Selbstschutzschule der Bundeswehr in Afghanistan. Das Foto hat er seinen Kindern geschenkt, bevor er aufbrach. Was ihr Mann dort genau tut? «Ich weiß es nicht», sagt Sandra. «Ich möchte es auch gar nicht wissen», gibt sie offen zu. Wichtig sei für sie nur, dass er nicht auf Patrouille fährt.

Arbeitgeber Bundeswehr. Dass ihr Partner Soldat ist, war der Frau klar, als sie sich kennenlernten. Er blieb nach dem Wehrdienst bei der Truppe, wurde erst Zeit-, dann Berufssoldat. Dass man für den Job mal weg muss, «das kann in jedem Beruf passieren», meint Sandra. Männer, die auf Montage arbeiten, seien auch wochenlang weg.

Doch etwas ist anders: Das Risiko. Ob sie Angst um ihren Mann hat? «Ja», sagt die 31-Jährige - wie aus der Pistole geschossen. Aus Sorge um die Sicherheit möchte sie auch weder ihren Nachnamen noch ihren Wohnort nennen.

Der erste Auslandseinsatz brach über das Paar von jetzt auf gleich herein. Holger und Sandra waren ein Jahr liiert, als sie am Mittag von der Arbeit heimkam und er ihr eröffnete, dass er noch am selben Tag nach Kuwait müsse. «Das war für mich schrecklich», erinnert sich Sandra.

Sie hatten zwei Stunden, um alles zu regeln: die Bank-Vollmacht für sein Privatkonto, die Unterschrift, dass sie unterrichtet werden solle, falls ihm etwas zustößt. Und die Verantwortung, im Ernstfall zu entscheiden, ob er lebensverlängernde Maßnahmen erhalten soll oder nicht.

Der Einsatzbefehl jetzt in Afghanistan war für beide ganz anders. Nicht nur weil sie Zeit hatten, sich darauf einzustellen, sondern auch, weil sie inzwischen Eltern geworden waren. Sandra weiß: «Ich muss jetzt funktionieren.» Der Kinder wegen. Sie sagt, «es gibt Momente, da finde ich alles schwierig». Vor allem in der Erziehung. Gerade wenn die Kinder mal wieder bockig sind und austesten wollen, wie weit sie bei Mama gehen können. Da fehle Holger als ruhender Pol einfach, sagt die 31-Jährige.

Weil er nicht da ist, muss sie allein Grenzen ziehen. Aber sie habe Hilfe von «zwei ganz tollen Nachbarn», die sie unterstützen.

Auch von der Bundeswehr bekommt die Familie Unterstützung. Angefangen bei der Frage: Wie bringe ich meinen Kindern bei, dass der Papa vier Monate weg ist? Das sei für sie das Schlimmste gewesen, erinnert sich Sandra. Beide wissen seit Herbst, dass er nach Afghanistan muss.

Anders als beim ersten Einsatz in Kuwait konnten sie sich darauf vorbereiten. Und die Kinder. Sandra spielte mit Jonas auf dem Computer «Karl, der Bärenreporter». Ein Programm, das erklärt, was deutsche Soldaten im Auslandseinsatz machen. Dann sagte sie ihm das mit Papa und Afghanistan. «Jonas hat es anfangs super aufgenommen.

» Doch die zwei Wochen vor der Abreise seien schlimm gewesen. «Warum schickt Dein Chef einen Papa, der zwei kleine Kinder hat, und nicht einen, der keine Kinder hat?», habe er wissen wollen. Die Eltern erklärten ihm, dass sein Vater die nötige Ausbildung hat. Und dass es in Afghanistan Krieg gab und Holger den Menschen hilft, sich selbst beschützen zu können.

«Die Vorstellung, dass sein Papa anderen Menschen hilft, ist sehr wichtig», findet Sandra. Nach zwei Wochen der Umgewöhnung sei Jonas besser mit der Situation zurechtgekommen. Ihre Kleine registriere das alles noch nicht so sehr. Wenn Holger jetzt ein Mal pro Woche anruft, freue sich jeder einfach.

Gute vier Wochen ist der Hauptfeldwebel jetzt im Einsatz. Drei Monate soll er noch dauern. Jonas kreuzt jeden Tag auf dem Kalender ab. Wenn Holger wieder zu Hause sein wird, wird das Familienleben nicht von heute auf morgen wieder so sein wie vorher, ist die Mutter überzeugt. Sie werden sich erst wieder aneinander gewöhnen müssen, sagt sie. Und: «Ich weiß nicht, in welcher Verfassung mein Mann zurückkommt.»

Dass er am Muttertag nicht da sein wird, trägt die 31-Jährige aber mit Fassung. Sie ist überzeugt, dass Jonas auch ohne Papa ein Frühstück für Mama hinbekommt. Neben dem Esstisch steht das Hochzeitsbild von Sandra und Holger. Es zeigt sie in einem bodenlangen roten Kleid und ihn in Militäruniform. Warum er die an diesem Tag getragen habe? «Weil ich es so gewollt habe. Die Bundeswehr gehört schließlich zu ihm», meint Sandra. Da wird klar: Sie ist sehr stolz auf ihren Mann.

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