Theater
Wenn der Getretene nach unten weitertritt

Das Schicksal der «Schwabenkinder» ist in Buch und Film geschildert worden. Jetzt gibt es auch ein Theaterstück, das die 27-jährige Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin Ann-Christin Focke geschrieben hat. Sie beleuchtet das Leben der beiden «Schwabenkinder» Charlotte und Anna und einer «Baronin». Focke, die aus Konstanz stammt, stellt Fragen nach der Entwicklung und Beziehung von Tätern und Opfern. Ihr Stück «Himmel sehen» wird in einer Inszenierung des Kölner Theaters «Die Baustelle» in Sonthofen gezeigt. Veronika Krull sprach mit der Autorin über ihr Stück.

Was hat Sie an dem historischen Thema fasziniert?

Ann-Christin Focke: Eigentlich hat das Thema für mich eher als Ab-grenzung funktioniert. Es gibt da ja eine gängige Sicht: hier die armen Kinder, die verschickt werden, dort die bösen Erwachsenen, die die Kinder verschicken. Also eine klare moralische Aufteilung. Das war so mein erster Zugang. Mein Ansatz war dann, diese klare Täter-Opfer-Aufteilung aufzubrechen.

Wie schwierig war die Umsetzung des Stoffes für die Bühne?

Focke: Da war die Entwicklung so: Am Anfang war die Fassung viel realistischer, dokumentarischer. In der ersten Hälfte gab es viele realistische Dialoge, am Tisch gegenüber. In der zweiten Hälfte habe ich mehr Monologe zugelassen, in einer Art Boxring, der mit Kreidestrichen angedeutet wird.

Da waren mehr Bilder, und das Ganze kam auf eine symbolische, abstrakte Ebene, um einen allzu platten Realismus zu ver-hindern. Dann bin ich zurück in die erste Hälfte und habe sie auch ein bisschen abstrakter, symbolischer gestaltet.

Kinder werden in unserer Gesellschaft ja nicht mehr verkauft. Was macht das Stück trotzdem aktuell?

Focke: Ja, dass man glaubt, aus einem naiven optimistischen Gedanken heraus: Wenn jemand etwas Schlimmes erlebt hat, verhält er sich hinterher besser. Das funktioniert, fürchte ich, nicht, nicht in allen Fäl-len. Wenn man getrieben wurde, dann gibt man das nach unten weiter, um sich besser zu fühlen. Das kann man in ganz vielen Zusammenhängen erfahren. Freunde haben mir erzählt, was sie im Praktikum erlebt haben: Da waren diejenigen die Schlimmsten, die vor kurzem noch Praktikant waren.

Oder auch Staaten mit Repressionserfahrungen: Da ist es schwierig, Demokratie und Menschenrechte einzuführen. Solche negativen Erfahrungen führen zu einer Desensibilisierung.

Gibt es auch eine positive Botschaft, die Sie den Menschen mit auf den Weg geben?

Focke: Meine Textfassung war sehr hart. Sie ist in allen Inszenierungen etwas weicher geworden. Da ist es schön rausgekommen, dass die Figur der Frau immer so ein bisschen schwankt: dass sie Härte, aber auch Nähe zeigt, wo sie sich in den Mädchen wiedererkennt, wo es sogar zu einer Art Mutter-Tochter-Beziehung kommt. Es gibt Momente von Wärme, die Sehnsucht des Menschen nach Wärme wird deutlich.

Gastspiel: Das Stück «Himmel sehen» wird am Freitag, 29. Oktober, um 20 Uhr im Haus Oberallgäu in Sonthofen vom Kölner Theater «Die Baustelle» aufgeführt. Karten gibt es beim Gästeamt Sonthofen, Telefon 08321/615-291, oder ab 19 Uhr an der Abendkasse.

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