Wenn das Kind den Vater nicht mehr sehen will

Kempten (mor). Vom Vater ihres Kindes misshandelt, trennte sich die Frau erst, als sie erfuhr, dass der Mann mit dem damals Dreieinhalbjährigen 'Softpornos' schaute und weitere Indizien für sexuelles Interesse an dem Kind offensichtlich wurden. Dennoch bekam der Vater Umgangsrecht, obwohl sich das Kind dagegen wehrte. Inzwischen ist der Sohn 15 und muss immer noch darum kämpfen, dass das Umgangsrecht verwehrt wird. Ein Beispiel von vielen, die im Jahresbericht des Notrufs, einer Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt, beschrieben sind.

Das Problem 'Zwangskontakte': Dem widmet sich der Notruf ganz besonders. Denn erzwungener Umgang hinterlasse bei den Kindern Spuren. Sozialpädagogin Ilona Braukmann von der Notruf- und Beratungsstelle für vergewaltigte und sexuell misshandelte Frauen und Kinder, hat beobachtet, dass im Namen des neuen Kindschaftsrechts (besser Vaterrecht genannt) heute immer mehr Kinder gegen ihren eigenen Willen gezwungen würden, den Vater zu sehen.

Für die Väter biete das neue Gesetz weiter Handhabe, Macht über ihre Frauen und Kinder auszuüben. 'Manche machen das sogar zu ihrer Lebensaufgabe und sie bekommen auch hier im Allgäu bedauerlicherweise von vielen Einrichtungen und Ämtern Unterstützung', so Braukmann. Die Folgen solcher Zwangskontakte seien Schulprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Aggressivität, Albträume, Depressionen, Ängste. Erwiesen sei auch, dass die Kinder spätestens als jugendliche Erwachsene den Kontakt zu dem Elternteil abbrechen, das den Kontakt erzwungen habe.

Die Schwerpunkte: Im Jahr 2006 lag dieser bei der Einzelfallhilfe mit Beratungen, Kriseninterventionen und Umfeldarbeit sowie pädagogisch-sozialtherapeutischen Hilfen. Das 'Wir-Gefühl' in der Gruppenarbeit durch ähnliche Erfahrungen nach Vergewaltigung und Missbrauch war ebenso fester Bestandteil der Notrufarbeit.

Die Statistik: Insgesamt nahmen 4950 Personen die Leistungen der Einrichtung in Anspruch, dazu zählt auch Präventionsarbeit. Einzelhilfe erfolgte 591-mal (2005 waren es 501 Personen). Dabei benötigten 216 Personen intensive, also längerfristige Beratung. Aktueller Missbrauch (79), Missbrauchsverdacht (58), Vergewaltigung (42), häusliche Gewalt (32), Umgangsrecht (15) und Stalking (2) wurden unter anderem als Gründe für die benötigte Hilfe genannt.

Die Täter: Die Zunahme hier ist laut Sonderpädagogin Petra von Sigriz erschreckend: 'Von 218 Tätern waren 72 jugendlich.' Im Gegenzug dazu sinke die Zahl der Täter bei den Vätern (33) oder vaterähnlichen Personen (16). 'Fast 80 Prozent der jugendlichen Täter sind Bekannte, Freunde, der feste Freund oder Exfreund, Bruder oder Cousin'

Die Präventionsarbeit: 154 Workshops und Selbstverteidigungskurse gelten inzwischen als notwendige Präventionsarbeit. Grundschulen und Kindergärten nehmen dieses Angebot immer öfter in Anspruch. Das Beratungsteam ist sogar für das aktuelle Schuljahr komplett ausgebucht. 'Zum einen stärken wir damit Kinder, zum anderen erreichen wir bereits im Grundschulbereich betroffene Kinder.' Bereits in der dritten oder vierten Klasse würden die Frauen von Kindern angesprochen, die mit ihnen reden wollen. Es sei wichtig, dass betroffene Kinder wissen, wo sie sich Hilfe holen können', so Petra von Sigriz.

iDie AWO-Notruf und Beratungsstelle für vergewaltigte und sexuell misshandelte Frauen und Kinder ist erreichbar: Rathausplatz 23, 8 74 35 Kempten, Telefon (08 31) 1 21 00 oder Frauennotruf-Kempten-AWO@t-online.de

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