Schuldnerberatung
Wenn 90 Gläubiger auf Geld warten

Seit elf Jahren bietet der Landkreis Lindau seinen Bürgern diese Hilfe an: Wer überschuldet ist, die Übersicht über Rechnungen und Konto verloren hat, dem zeigt die Schuldnerberatung Wege auf, um die eigenen Finanzen wieder in den Griff zu bekommen. Und sei es, dass Regina Jung als letzte Möglichkeit den Weg in die Insolvenz ebnet.

Mit Geld hat sie beruflich schon immer zu tun gehabt: Anfangs arbeitete sie in der Kreiskasse, fünf Jahre lang kümmerte sie sich um Unterhaltsfragen bei der Hartz-IV-Arge. Seit Sommer hat Regina Jung einen neuen Arbeitsplatz: Sie ist die neue Schuldnerberaterin des Landkreises.

«Ich kann hier helfen», das ist für sie eines der Hauptargumente gewesen, sich um die Nachfolge des früheren Schuldnerberaters Heinz Herrscher zu bewerben. Vor allem die soziale Komponente gefällt Jung - auch wenn 120 laufende Fälle einen ganzen Batzen Arbeit für die Sachbearbeiterin darstellen.

Zu Beginn war die Schuldnerberatung auf Sozialhilfeempfänger ausgerichtet, heute machen Langzeitarbeitslose gut ein Drittel aller Fälle aus. «Wir sind offen für alle Landkreisbürger», unterstreicht Jung. Und so kommen nach ihren Worten ihre Kunden auch aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen: Junge alleinstehende Schuldner sind genauso darunter wie kinderreiche Familien oder Rentner.

Durchs Fernsehen bekannter

Den Weg zu Regina Jung zu finden, ist heute leichter als noch vor einigen Jahren. «Oft schicken andere soziale Einrichtungen, wie die Caritas Menschen zu uns», schildert Jung.

Aber auch Fernsehsendungen wie «Raus aus den Schulden» bringen überschuldete Bürger ins Landratsamt: «Wir sind dadurch einfach bekannter geworden», ist Regina Jung überzeugt, und damit sei auch die Akzeptanz in der Bevölkerung gewachsen.

Was Jung schnell gelernt hat: Die Strukturen überschuldeter Menschen, auch im Kreis Lindau, sind «oft ganz verworren». In ihrem bisher heftigsten Fall hat es fast 90 Gläubiger gegeben, knapp 100000 Euro sind bisher der höchste Schuldenberg gewesen, dessen sich Jung annehmen musste.

Das Problem in ihren Augen: «Ratenzahlungen oder auch Kleinkredite werden zu einfach gemacht, ohne die Bonität des Kunden wirklich zu prüfen.» Und Shoppen im Internet ist für so manchen ein Hobby mit bösem Erwachen. Aber nicht nur die mangelnde Fähigkeit, mit Geld umzugehen trägt zum finanziellen Desaster bei. «Auch Sucht oder soziale Probleme können Grund sein.»

Wenn sich die Lindauer Schuldnerberaterin erst einmal einen Überblick über die Höhe der wirklichen Schulden und die Zahl der Gläubiger hat, geht es ans Verhandeln. Was für Jung wichtig ist: «Ich muss bei meinen Kunden ein Umdenken erreichen.» Denn wenn der Überschuldete nur seine offenen Rechnungen ablegen und danach fröhlich weiter einkaufen will, dann kann die Schuldnerberatung nicht wirklich seine Lage verbessern.

Konto gepfländet

«Der Gerichtsvollzieher vor der Haustür oder eine Lohnpfändung haben aber schon eine gewisse Wirkung», das hat Regina Jung bereits gemerkt.

Wird das Konto gepfändet, dann kann sie kurzfristig Hilfe geben: «Ein Pfändungsschutzkonto ist eine Möglichkeit, und seit Juli hat ohnehin jeder das Anrecht, 985 Euro Freibetrag zu behalten», bei Familien sogar höhere Beträge, so Jung.

Helfen alle Vermittlungsgespräche mit den Gläubigern nicht, dann weist Jung auf die letzte Lösung hin: Die heißt Privatinsolvenz. Im gesamten vergangenen Jahr hat ihr Vorgänger 59 auf den Weg gebracht - allein bis Oktober sind es jetzt schon 61 gewesen. «Und was direkt übers Insolvenzgericht läuft, die Zahlen habe ich noch gar nicht», stellt die Schuldnerberaterin fest.

Den Grund dafür sieht sie nicht unbedingt in der Wirtschaftskrise. «Aber die Leute verdienen weniger - und bei niedrigen Löhnen wird es immer schwieriger, einen Ausgleich zu schaffen.»

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