Allgäu
Weniger Gymnasiasten!

Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Gymnasiasten. Eine Forderung an das Kultusministerium, für die es sich lohnen würde auf die Straße zu gehen. An Wut, Protest und Emotion hat es am vergangenen Freitag nicht gemangelt. Allgäuer Gymnasiasten ließen Dampf ab beim sogenannten Bildungsstreik gegen das G8. Die Schüler protestierten gegen zu hohe Arbeitsbelastung und Stundenzahl. Ihre Forderungen nach Überarbeitung der Lehrpläne, Reduzierung der Stofffülle, nach mehr Lehrern und kleineren Klassen sind berechtigt. Kinder und Jugendliche sollten keine Arbeitstage bestreiten müssen, die denen eines Managers gleichen, was Dauer und Intensität anbelangt. Die Kritik am G8 ist nachvollziehbar. Doch sie kratzt nur an an der Oberfläche. Denn selbst eine Reform des G8 würde nicht das Grundübel beseitigen: Eine verfehlte Bildungspolitik, die seit Jahren nur ein Ziel kennt: Mehr Gymnasiasten, mehr Abiturienten. Das Gegenteil wäre jedoch richtig.

Erst vor kurzem hat der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle bei einer Veranstaltung in Immenstadt die Parole ausgegeben: Der Anteil der Schüler, die die Hochschulreife erwerben, soll weiter gesteigert werden. 2008 waren es rund 37 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 1990 betrug diese Quote in Bayern insgesamt 25,5 Prozent. Doch bald werden 40 Prozent eines Jahrgangs die Hochschulreife erlangen. So viele Abiturienten - das liegt auf der Hand - können nicht alle geeignet sein, ein Studium zu bewältigen oder einen höheren Beruf auszuüben. Eine Inflation der Abiturzeugnisse erzeugt nicht klügere Schüler, sondern senkt den Qualitätsanspruch und wertet den Abschluss ab.

Mit mehr Bildung, so heißt es immer, könne man für mehr qualifizierte Beschäftigung sorgen. Aber welchen Wert hat dies real noch, wenn immer mehr schwache Schüler bis zum Abi durchgeschleppt werden, auch wenn sie gar nicht aufs Gymnasium passen? Weil sie massive Sprach-, Schreib- und Lernmängel aufweisen - Lehrer sehen das tagtäglich im Unterricht. Und welche Jobs sollen diese jungen Menschen, die ihre ganze Schulzeit bereits überfordert waren, später bewältigen? Ihrer Laufbahn würde es mehr nutzen, wenn sie früher andere Fähigkeiten zur Geltung bringen könnten. Die Losung von der immer höheren Abiturientenquote sorgt für einen Sog nach oben - und entwertet gleichzeitig Real- und Hauptschule.

Die Folge: Statt die Grenzen ihres Kindes anzuerkennen, überfordern nicht wenige Eltern ihr Kind und hieven es irgendwie aufs Gymnasium, obwohl es schon in der Grundschule Dreien oder Vieren mit nach Hause brachte.

Qualität statt Quote, darum muss es gehen. Wir brauchen weniger, dafür besser ausgebildete Abiturienten. Gleichzeitig müssten Real- und Hauptschule gestärkt, ihre Abschlüsse aufgewertet werden. Kinder sollten in die Schule gehen können, die ihrem Leistungsvermögen und ihren Neigungen entspricht. Der Besuch des Gymnasiums, dieser anspruchsvollsten Schulform, sollte jedoch Ausnahme statt Regel sein.

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