Soziales
Weihnachten in der Wärmestube in Kempten: Leiterin Viola Heß über das Leben am Rand der Gesellschaft

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Hier treffen sich Menschen, die im Leben nicht viel Glück hatten. Kein Job, Ehe gescheitert, psychische Probleme, man könnte sagen: gestrandete Existenzen. Oft sind es Menschen, die keine Familie haben. Oder genauso schlimm: Deren Familie nichts mehr mit ihnen zu tun haben will.

In der Wärmestube finden sie Anschluss. Treffen andere Menschen, die ebenfalls ein sonst eher tristes Leben führen. "Den Besuchern ist es wichtig, andere Menschen zu treffen, rauszukommen aus den eigenen vier Wänden, die nämlich meistens leer sind", sagt Viola Heß (52), die seit über vier Jahren die Wärmestube beim Roten Kreuz in Kempten in der Haubenschloßstraße leitet.

Frisch gekochtes warmes Essen, nichts aus der Dose. Nicht exklusiv, aber eben gesund, zum Preis von 1,50 Euro. Und das jeden Tag, 365 Tage im Jahr. Lasagne mit frischem Salat oder Schweinebraten mit Blaukraut und Knödel zum Beispiel würde sich kaum einer der Besucher zuhause selbst kochen.

Soziales Netzwerk

Das Ambiente erinnert etwas an Vereinsheime in den 70er-Jahren. Wir sind hier nicht in einer Gaststätte, aber es ist sauber und gemütlich. An den Tischen treffen sich Grüppchen. Sie bilden teilweise richtige Ersatzfamilien, sprechen miteinander über ihre Probleme, haben Spaß, kümmern sich umeinander. "Sie kennen ihre Geschichten und sie helfen einander", sagt die Leiterin. "Das ist ein soziales Netzwerk, das nochmal unter dem offiziellen entsteht. Das ist ganz wichtig."

Für viele Gäste hat der Besuch der Wärmestube etwas Ritualhaftes. Wenn ansonsten der Tag keine Struktur hat, wird das Frühstück, das Mittagessen, das Treffen der anderen Gäste zum wichtigen Anker im Tagesablauf. Oft bietet die Wärmestube die einzige Struktur, die die Menschen in ihrem Leben haben.

Man kümmert sich

Kommt einer aus der Clique mal ein, zwei Tage nicht, fragen sie nach: Wo bleibt er denn? Sie besuchen sich gegenseitig im Krankenhaus und - auch das kommt vor - trauern gemeinsam, wenn jemand stirbt. Nicht selten sind die Wärmestuben-Freunde die einzigen, die dann trauern. Es geht in der Wärmestube eben nicht nur um Heizungswärme, wenn es im Winter kalt ist. Es geht um Herzenswärme, um eine Art Geborgenheit.

Neue Gäste sind anfangs eher vorsichtig. Sie fragen, ob sie überhaupt kommen können ("Bin ich denn arm genug, um in der Wärmestube essen zu dürfen?"). Selbstverständlich dürfen sie. Jeder darf hierher kommen, unabhängig von Alter, Einkommen, Lebens-Situation. Mit der Zeit lernt der Besucher die anderen Gäste kennen, die Betreuer, die Leiterin, und fasst Vertrauen. So kennt Viola Heß dann eine ganze Reihe Lebensgeschichten.

Teufelskreise in den Lebensgeschichten

Zum Beispiel von jungen Leuten, die obdachlos sind. Das betrifft ca. 20 Prozent der Besucher der Wärmestube. Wie kann das sein? Hier im Allgäu, mit Sozialleistungen und Vollbeschäftigung? Viola Heß kennt typische Fälle.

"Das sind zu 95 Prozent Männer. Von daheim bei den Eltern raus, zur Freundin gezogen. Dann war irgendwann Sense mit der Freundin. Dann ist man da raus, dann hat man bei Kumpels gepennt, das sogenannte Couch-Hopping. Mann findet schon im Freundeskreis immer mal irgendwo ein Bett oder ein Sofa, das geht ne Weile gut. Parallel dazu kommt häufig Arbeitslosigkeit oder kein Bock auf Arbeit. Aber nach einer gewissen Zeit wird das schwierig. Beim Jobcenter ist man dann rausgeflogen oder die Leistungen werden gekürzt, dann wird es immer enger. Irgendwann haben auch die Kumpels keine Lust mehr, dass da immer einer auf dem Sofa liegt. Dann ist es Sommer, dann schäft mal ein bisschen draußen, und dann kommt der Winter. Der erste. Der richtige. Und dann wirds blöd. Dann stehen sie da."

Freunde und Familie wenden sich ab, man steht plötzlich alleine da. Viola Heß und ihr Team sind dann oft Ansprechpartner in Sachen Lebenshilfe. Dafür sorgen, dass die Menschen wieder Fuß fassen. Das ist dann aber nicht vom Amt so angeordnet. Die Wärmestube ist keine ausgeschriebene Beratungsstelle. Aber: Den Menschen so weit möglich weiterzuhelfen, ihnen die jeweilige Beratungsstelle (z.B. Schuldnerberatung) zu empfehlen, ist naturgemäßer Teil ihres Jobs als Sozialpädagogin. "Das Schwierige daran ist, dass die Leute dann da auch hingehen." In die Wärmestube kommen sie, zu Viola Heß und ihrem Team haben sie Vertrauen.

In den Räumen der Wärmestube ist Alkoholverbot. Das wird auch strikt eingehalten. Wenn jemand bereits betrunken kommt, ist das nicht weiter problematisch. Aus Sicht von Viola Heß eher im Gegenteil: "Das ist gut, weil dann nüchtern sie nämlich bei uns aus, das ist besser als irgendwo im Busch oder auf der Parkbank."

Angewiesen auf Spenden

[p]Träger der Wärmestube ist die Stadt Kempten, das Rote Kreuz ist beauftragt, die Wärmestube zu betreiben. Sach- und Personalkosten übernehmen das Rote Kreuz und die Stadt Kempten. Das Essen dagegen finanziert sich zu einem großen Teil aus Spendengeldern. Nur so kann Viola Heß die entsprechenden Lebensmittel einkaufen, um tatsächlich auch frisch zu kochen, um ein vernünftiges Essen für 1,50 Euro anbieten zu können. Spenden geht natürlich direkt in der Wärmestube, aber auch online beim Roten Kreuz.

Autor:

Holger Mock aus Kempten

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