Bregenz
Was macht die Globalisierung mit der Musik?

Wenn Menschen immer in Bewegung sind, wenn sie die Heimat verlassen, Wohnorte wechseln und gleichzeitig von Zuhause aus mittels verschiedener Medien die ganze Welt in ihr Leben holen können - was geschieht da mit ihrer Musik? Eine spannende Frage zum Thema Globalisierung stellen sich die Bregenzer Festspiele im Rahmen ihrer zeitgenössischen Programmschiene «Kunst aus der Zeit» (KAZ), die sie - in einer Verknüpfung von Englisch und Vorarlberger Dialekt - unter das Motto «My Musig» gestellt haben. Der britische Komponist Benedict Mason hat versucht, eine Antwort zu geben. Für sein nach einer Zeile eins schottischen Volkslieds betiteltes, faszinierendes Werk «Da Hleeo Durum Daree Durum Dittm Da Herum» auf der Werkstattbühne des Festspielhauses führte er erstklassige Instrumentalsolisten, Schauspieler und Vorarlberger Laienmusiker zusammen.

Die Auseinandersetzung mit Musik als kulturellem Gepäck in Zeiten der Globalisierung hat bei Mason eine Fülle von Assoziationen ausgelöst, die er hör- und sichtbar macht. Er nutzt die gesamte 37 mal 47 Meter große Werkstattbühne für seine vielteilige Performance. Raum, Distanz, Nähe und Wege der Menschen zeigt er auf und gleichzeitig deren Wechselwirkung mit der Musik.

Der Einstieg ins Thema ist noch recht deutlich formuliert: Ein Mensch mit Cellokasten wird an einer Grenze gefragt, ob er etwas zu verzollen habe. Was dann folgt, sind faszinierende, bild- und klangreiche Anekdoten über Menschen, die ihre Musik mit sich tragen, denen fremde Länder und Lieder begegnen, die unbekannte Instrumente ausprobieren, die sich verständigen, annähern, zuweilen auch missverstehen.

Für seine Komposition nutzt Mason den Reichtum der weltweiten Musiken: Er zitiert Bach ebenso wie volkstümliche Unterhaltungsmusik, baut Harmonien alpenländischer Gesänge ein, lässt Okarinos ungewohnte Akkorde formen und Hackbrettspielerinnen - auf Rollen durch den Raum gezogen - eine jazzige Improvisation begleiten.

Die Aufführenden wagen dabei ganz unbefangen Experimente. So verwandelt eine Musikerin ihre Violine in ein Banjo, zwei andere spielen das Akkordeon am Boden kniend wie ein Klavier. Das Alphorn gar dient in seine Teile zerlegt als Art Puzzlespiel, oder wird genutzt, um imaginäre Wolken aufzuspießen. Ein Bläser hält es stolz wie eine Fanfarentrompete in die Luft. Schauspiel und Musik verbinden sich an solchen Stellen zu vieldeutiger Clownerie.

Texteinblendungen verstärken die Poesie der bunten akustisch-optischen Bilder. Die Antwort, die Mason auf die eingangs gestellte Frage gibt, ist klar: Die Wurzeln der eigenen Musik lassen sich niemals ganz ausreißen - die Einflüsse der Welt aber verändern und bereichern sie auch. Furcht vor der Verfremdung ist jedenfalls nicht angebracht.

Hervorragende Profi- und Laienmusiker, überzeugende Schauspieler und die üppige Klangwelt Masons bescherten dem KAZ-Publikum einen anregenden Abend - der allerdings mit zwei Stunden Dauer dann doch etwas ermüdend wurde.

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