Terror
Was lehrt der Fall des Kemptener Salafisten Erhan A.?

Als die Handschellen klicken, sind die Kameras mal nicht da. Fast vier Monate lang hat Erhan A. aus Kempten Interviews gegeben, hat über den Terror in Syrien schwadroniert, mit seinen Freunden, den Gotteskriegern, geprahlt. Sauber notiert ist das alles auf Journalistenblöcken, die Kameras haben es aufgezeichnet: Erhan A. im Hörsaal der Kemptener Hochschule, in der Innenstadt, Bilderstrecken, Inszenierung eines Provinz-Islamisten.

Die bayerische Dschihad-Welt des Erhan A. endet am Mittwoch vor knapp zwei Wochen an einer Straßenkreuzung in Kempten. Polizeieinsatz, Festnahme, seither Abschiebehaft in Mühldorf am Inn.

Ein Islamist mitten unter uns.

Bayern will Erhan A., den radikalen Muslim, loswerden, einen von 570 Salafisten im Freistaat. Der Bundesinnenminister dagegen wünscht sich einen Prozess. Doch strafrechtlich, so ist zu hören, kann man dem 22-Jährigen, den viele in Kempten als Angeber beschreiben, als Provokateur, angeblich nichts nachweisen. Seine Salafisten-Karriere steht für so viele in Deutschland. Weit über 6000 junge Männer und Frauen gehören der radikalen muslimischen Strömung mittlerweile an, Tendenz steigend.

Hinter den Kulissen geht es längst nicht nur um tausende aus der Bahn geratene junge Männer, die den Krieg in Syrien auf deutsche Straßen tragen. Sondern auch um einen Berg an ungelösten Problemen im Land, um politische Diskussionen in Endlosschleife, um altbekannte Brutstätten des Islamismus, um ein kaum durchschaubares Spiel von Geheimdiensten, Behörden und Medien.

München. Ein Wohngebiet nahe einer S-Bahn-Station. Hohe Häuserzeilen, ein paar Kneipen, eine Kindertagesstätte, mittendrin, ganz unauffällig, liegt die El-Salam-Moschee. Sie gehört zu den Moscheen, auf die der Verfassungsschutz ein Auge hat. Dort soll Hass gepredigt werden, gerade beim Freitagsgebet, so der Vorwurf. "Männer mit langen Bärten" gingen dort ein und aus, sagt ein Nachbar. Wobei, was genau dort laufe, wisse auch er nicht. Ein Satz, der stellvertretend stehen kann dafür, was der Großteil der bayerischen Öffentlichkeit über das Thema Salafismus weiß.

Salafisten agieren konspirativ, abgeschottet in ihren Zirkeln. Nach außen sichtbar wird vor allem die "gutbürgerliche" und vollkommen legale Seite der Radikalen, Stichwort: Koranverteilungen. In Ulm, Augsburg und München gehören etwa die "Lies"-Stände des Salafistenpredigers Abou Nagie längst zum bekannten Bild. Vor allem junge Männer verteilen den Koran und andere Schriften, machen "Dawa" - missionieren also. Die Missionierung sehen Salafisten als ihre Pflicht an. Dass die angeblich strenggläubigen Männer in Wahrheit Hass säen, gegen Minderheiten hetzen und gegen die Demokratie, läuft meist im Verborgenen ab, in sozialen Netzwerken und mit moderner Technik.

Wie in Kempten. Dort betrieb Erhan A. rund ein Jahr lang eine Gruppe über den Handy-Nachrichtendienst Whatsapp. Darin hatte er sich mit Radikalen aus deutschen Hochburgen wie Nordrhein-Westfalen vernetzt, aber auch mit Terrorkämpfern im Irak und in Syrien. Darunter: Firas H., der von Interpol gesuchte österreichische Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), oder auch Enis A. und Mustafa K. aus Dinslaken nahe Duisburg. Die zwei, beide Mitte 20, sollen ebenfalls für den IS kämpfen. Mustafa K. erlangte vor einigen Monaten bundesweite Bekanntheit, als er auf einem Foto in der syrischen Stadt Azaz mit abgetrennten Köpfen von Kriegsgegnern posierte.

Die Münchener Salafistenszene ist die größte im Freistaat. 200 Radikale sollen es dort sein. Treffpunkt ist eine Moschee, die sie in der Szene nur die "somalische" nennen. Neben München gibt es inzwischen in jeder größeren bayerischen Stadt eine Szene. In Augsburg, Nürnberg, Schwandorf, Weiden, im beschaulichen Kempten - und im Raum Ulm/ Neu-Ulm. Die Doppelstadt an der Donau ist seit langem einer der Schauplätze des deutschen Dschihads. Viele Jahre hat sich dort das "Who is Who" der älteren Dschihadistengeneration getroffen. Zu den bekannten Namen gehören Fritz Gelowitz und Atilla Selek von der Sauerlandgruppe, die vor Jahren Sprengstoffanschläge auf US-Einrichtungen plante und 2007 aufflog.

Khaled El Masri, das CIA-Entführungsopfer, ging ebenfalls in einschlägigen Treffpunkten in Ulm ein und aus, später saß er in Kempten im Gefängnis. Erst vor ein paar Wochen berichtete ein Insider, auch El Masri habe sich nach Syrien aufgemacht. Das Polizeipräsidium Schwaben Süd-West dementierte. Er sei vermutlich in Abu Dhabi. Zugleich reisten während der Sommerferien viele türkischstämmige Salafisten aus Kempten in ihre Heimat. Ob nur für einen Urlaub oder mit Endziel Syrien, das stellt sich oft erst hinterher heraus.

Fälle, die belegen: Welche Islamisten wann und wo tatsächlich zur Gefahr werden, ist nur schwer vorauszusehen. Erhan A. hatte der Allgäuer Zeitung berichtet, dass auch innerhalb der Szene nicht darüber gesprochen werde, wann jemand nach Syrien in den Kampf zieht.

Und wie gehen die Städte mit dem Salafismus um? In Kempten bemühte sich die Stadtverwaltung monatelang darum, Ausreiseverbote zu verhängen. Ein Mittel, das auch gegen gewaltbereite Fußball-Hooligans eingesetzt wird. So kann bei demjenigen der Pass eingezogen werden, der im Ausland gegen "erhebliche Belange" der Bundesrepublik verstößt. Erhan A. war ein solcher Fall. Allerdings müssen dafür gerichtsfeste Belege vorliegen, allein aus "der hohlen Hand" heraus könne man Ausreiseverbote nicht verhängen, heißt es. Fehlten bei Erhan A. diese Anhaltspunkte? Immerhin war sein Ausreiseverbot nicht verlängert worden. Er wolle umziehen, vielleicht nach Nordrhein-Westfalen, wo "mehr los" sei, hatte er noch ein paar Wochen vor seiner Verhaftung erzählt.

"In Nordrhein-Westfalen wächst die Szene stärker als in Bayern", bestätigt Markus Schäfert, Sprecher des bayerischen Verfassungsschutzes. In manchen deutschen Großstadt gibt es inzwischen derart gewaltbereite Salafistengruppen, dass es - wie erst in Hamburg - zu Zusammenstößen zwischen radikalen Muslimen und Kurden kommt.

In der oft noch heileren bayerischen Welt zeigt sich derweil ein anderes Problem im Umgang mit Salafismus. Wiederum Kempten: Seit Ende Januar der erst 19 Jahre alte David G. in Syrien ums Leben kam, schlagen die medialen Wellen in der Stadt hoch. Im Versuch, dem Grauen ein Gesicht zu geben, landen fast täglich Interview-Anfragen bei Familienangehörigen und Freunden, so auch bei den Eltern aller jungen Kemptener Salafisten. Recherchetrupps großer Zeitungen durchkämmen die Gegend nach Angehörigen toter Gotteskrieger, die offen über das Drama hinter ihren Wohnungstüren sprechen wollen. Sie suchen nach Namen, Hintermännern und Schuldigen. Es ist ein immenser Druck, sagt ein Betroffener aus dem Allgäu. Gerade in einer Stadt wie Kempten, wo jeder jeden kennt, man sich täglich beim Bäcker begegnet, wo Privatangelegenheiten schnell öffentlich sind.

Zumal unbedachte Äußerungen schnell Folgen haben. Schmerzhaft haben das in Kempten einige lernen müssen, die auf einmal ungewollt Kontakt bekamen mit dem Verfassungsschutz. Mittlerweile wollen beim Thema Salafisten viele nicht mehr namentlich zitiert werden. Wer weiß, wer dann hinterher anruft, heißt es. Oder ob man von der Szene bedroht wird.

Stichwort Verfassungsschutz. Auch dessen Welt ist kaum noch zu durchschauen. Wer im sozialen Netzwerk Facebook nach den Spuren der Gotteskrieger von nebenan sucht, weiß nie genau, ob er nicht einem V-Mann aufsitzt, welches Profil echt ist oder nur eine Täuschung. Zumal die Behörden - zuletzt das Bayerische Landeskriminalamt - immer zugeknöpfter auf Anfragen zu Salafisten und Syrien-Kämpfern reagieren, der Bundesnachrichtendienst ohnehin keine Auskunft erteilt und sich auch Unions-Politiker bei dem Thema nicht einig sind. Soll man nun Erhan A. gleich abschieben oder ihm erst den Prozess machen?

Eine letzte offene Frage: Wie stoppt man den Missionierungseifer der Islamisten? Anja Ellinger, Chefin des Kemptener Gefängnisses, arbeitet zwar sowohl mit den Imamen der örtlichen islamischen Gemeinden als auch mit dem Verfassungsschutz zusammen. Aber in den Haftanstalten kommt inzwischen eine gefährliche Mischung zusammen. In manchen Häusern sitzen nicht nur die Islamisten selbst ein, sondern auch die Schleuser, die syrische Flüchtlinge über Italien und Österreich ins Allgäu gebracht haben. Und nur ein paar Straßen entfernt wohnen Salafisten und syrische Kriegsflüchtlinge Haus an Haus.

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