Marktoberdorf
«Waren glückliche Menschen und selten gelöst»

Kein Trabant aus Zwickau, stattdessen Karossen aus Ingolstadt. Keine Club-Cola auf dem Bistro-Tisch, Theo Waigel greift zu Mineralwasser aus dem Allgäu. Trotzdem fühlen sich die etwas über 100 Zuhörer im Autohaus Singer in jene Zeit versetzt, die Deutschlands Geschichte maßgeblich veränderte. Nicht, weil die Stühle vielleicht etwas von DDR hatten, sondern weil der Politiker auf Einladung der Volkshochschule Marktoberdorf die Zeit der Wende und der Wiedervereinigung beleuchtet, die er damals vor 20 Jahren als Bundesfinanzminister an entscheidender Stelle miterlebt hat.

Waigel plaudert derart interessant und authentisch aus dem Nähkästchen, dass es mucksmäuschenstill ist. Dies mag auch daran liegen, dass er ganz Persönliches preisgab. So vom Tod seines Bruders, der mit 17 Jahren im Zweiten Weltkrieg fiel, dessen Briefe er erst vor zwei Jahren zu lesen wagte. «Er sehnte sich nach Frieden, nach Familie», schildert Waigel und spannt einen Bogen zur friedlichen Revolution in der DDR.

Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie - danach hätten die Menschen gestrebt. Und das hätten die Bundesregierungen unterstützt. Er nennt unter anderem den von Franz-Josef Strauß eingefädelten Milliardenkredit, und würdigte die Ostpolitik von Willy Brandt, die im Bezug auf die Menschenrechte Erfolg gezeigt habe.

Den 9. November 1989, den Tag der Grenzöffnung, erlebte Waigel bei einer Veranstaltung in Illerberg. «Wir haben schon früher gewusst: Da tut sich was. Aber niemand wusste, wie die Sowjetunion reagiert, ob sie vielleicht sogar Waffen einsetzt.» Am nächsten Tag stand er in Berlin mit Bundeskanzler Helmut Kohl, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Brandt auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses - alle wurden ausgepfiffen. Kohl habe befürchtet, dies mindere die Rückendeckung der anderen Staaten. Doch dem war nicht so.

«Saat auf gefrorenem Boden»

Im Januar 1990 habe DDR-Ministerpräsident Hans Modrow um Finanzhilfe ersucht. «Das wäre wie Saatgut auf gefrorenen Boden zu schmeißen.» Die Wirtschaft sei so marode gewesen, dass der Lebensstandard um ein Drittel hätte gesenkt werden müssen, um zu überleben. Auch ein geschönter Etat habe nichts genutzt, der in den Jahren zuvor deshalb schuldenfrei war, weil der Staatssekretär auf Anweisung Erich Honeckers eine Nacht darüber schlafen musste. So sei das Angebot einer gemeinsamen Währung erfolgt. «Das war riskant, aber die richtige Entscheidung. Damit war der Weg zur Einheit unumkehrbar.» Es folgten Gespräche mit Michail Gorbatschow über die Wiedervereinigung, die im Juli 1990 als «das Wunder vom Kaukasus» Geschichte schreiben sollten. «Wir waren glückliche Menschen und selten gelöst», erinnert sich Waigel: «So lange ich kann, werde ich das Hohelied auf Gorbatschow singen.»

Er gesteht auch ein, dass der Prozess der Wiedervereinigung «länger gedauert und mehr gekostet hat als angenommen». Dafür aber lebten 17 Millionen ehemalige DDR-Bürger in Freiheit und Demokratie.

Im Anschluss entwickeln sich mit Waigel auf dem Podium und ohne ihn an den Bistro-Tischen einige Diskussionen. Die Ereignisse um den Mauerfall und deren Folgen sind bei den Zuhörern wieder ins Gedächtnis zurückgekehrt - auch ohne Trabant und Club-Cola.

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