Steinzeit
Vor 9.000 Jahren: Steinzeitmenschen finden über dem Kleinwalsertal ideale Bedingungen zur Jagd und richten sich ein

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Die Sonne wärmt das Sommerlager auf über 1.500 Metern Höhe. Ein riesiger Felsüberhang schützt es vor Wind und Regen. Zudem staut sich wenige Schritte entfernt das einzige Gewässer weit und breit. Der Tümpel versorgt eine steinzeitliche Sippe mit Wasser und lockt das Vieh an, das im Sommer in die Berge mit ihren nährstoffreichen Pflanzen wandert.

Wenn die Hirsche vor ihrer Haustür trinken, stellen die Menschen eine tödliche Falle: Eine Gruppe stürmt aus dem direkt unter der Stelle beginnenden Wald und treibt das Wild nach oben. Dort verengt sich das Gelände wie ein Flaschenhals und die Falle schnappt zu.

Dieser Felsen ist eine Ausnahmestelle, sagt Detlef Willand. Rund 9000 Jahre nachdem die ersten Menschen sich dort einrichten, findet er das Lager. Der nahe Wald versorgt die Steinzeitmenschen mit Pflanzen, während sie dank freier Sicht im baumlosen Gelände besser jagen können. Sie bohren Löcher in den Boden vor dem Überhang und platzieren darin Pfosten, über die sie Astgeflecht und Tierhäute spannen.

Unten errichten sie ein Mäuerchen, sodass ein Wohnraum entsteht. Doch wie viele der heutigen Touristen, bleiben sie nur saisonal im Kleinwalsertal. Mit dem Winter sinken die Überlebenschancen, sodass sie sich in die milderen Gebiete der Iller- und Donau-Auen zurückziehen - immer dem Wild hinterher.

Heute, nach Jahren mühevoller Arbeit, lässt sich das Leben an dieser Stelle gut nachvollziehen. Das verdeutlicht, wie es damals an vielen Orten im Allgäu aussehen könnte. Ähnlich günstige Bedingungen wie auf der heutigen Schneiderküren Alpe über dem Ort Hirschegg herrschen etwa an den Hörnern zwischen Balderschwang und Ofterschwang oder an der Nagelfluhkette.

Feuer und Wasser

Natürlich, sagt Willand, kann die Fantasie auch mal mit einem durchgehen. Aber viele Erklärungen sind schlüssig: An einer ausgeprägten Wölbung im Felsdach bröckelt der Fels besonders stark. Dort lodert vor Jahrtausenden das überlebenswichtige Feuer, dessen Hitze dem Kalkstein in Verbindung mit Nässe stark zusetzt. Auch heute formen Steine an diesem Platz eine Feuerstelle und ein simpler Versuch beweist, dass die Wärme sich optimal im Lager verteilt.

Und dann ist da noch das Wasser. Nirgends auf dem weiten Gottesackerplateau, nördlich des wie ein havariertes Schiff daliegenden Hohen Ifens (2.230 Meter), findet sich Wasser. Es versickert einfach im von Rissen und Spalten übersäten Schrattenkalkboden. Doch genau am Schneiderküren bildet weniger durchlässiger Grünsandstein den Untergrund und staut den kleinen See auf. Ebenso fließt ein Rinnsal vor dem Lager. Willand nennt es einen natürlichen Abfluss. Die Steinzeitmenschen werfen ihre Reste dort hinein. Darunter befindet sich Radiolarit, besser bekannt als Feuerstein.

Eine wahre Schatzgrube für Archäologen. Während der Ausgrabungen finden sie mehr als 7.000 Feuersteinstücke: Vor allem Splitter die entstehen, wenn jemand ein Werkzeug aus dem roten oder grünlichen Stein schlägt. Auch misslungene Werkstücke oder Geräte zweiter Wahl tauchen auf. Sie zeigen, was die Steinzeitmenschen herstellen: Klingen, Kratzer, Speerspitzen, Widerhaken und vieles mehr.

Der Werkstoff Stein ist über Jahrtausende so wichtig, dass heute die ganze Epoche nach ihm benannt ist. All diese Funde formen ein Bild, wie eine Alltagsszene damals aussehen könnte: Die in Pelze gehüllten Menschen bearbeiten die Steine außerhalb der Behausung, damit es innen sauber bleibt. Sie schlagen die harten Radiolaritstücke auch aufeinander, bis Funken sprühen und im Innenraum das Feuer brennt - diese Fähigkeit bildet einen Meilenstein in der Entwicklung des Menschen. Auch teilen sich die frühen Bewohner des Kleinwalsertals vermutlich ihre Arbeiten systematisch auf: Jagen, Sammeln, Werkzeuge herstellen und Beute verarbeiten.

Was zu dieser Zeit geschieht und in den kommenden Jahrtausenden immer ausgefeilter wird, nennt die heutige Wirtschaftssprache vornehm Innovationsschübe. Der Mensch kultiviert Pflanzen, zähmt Tiere, baut Städte und erfindet vor rund 3.000 Jahren das Rad. Von der Steinzeitbehausung am Schneiderküren ist es noch ein weiter Weg zu den Hochkulturen Europas. Doch der Mensch geht ihn unaufhaltsam.

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