Geschichte
Vor 480 Jahren emigrierte der Jurist Balthasar Klammer aus Kaufbeuren

Im 15.und 16. Jahrhundert herrschte in Europa durch Renaissance, Humanismus und Reformation Aufbruchstimmung. In Kaufbeuren liefen die Dinge zunächst aber nicht gut: Pestepidemien rafften 1482 und 1521 viele Bürger hin. Der Reichstag lehnte die Lehren Martin Luthers ab, weshalb Kaufbeuren sich aus praktischen Erwägungen als «romtreue Reichsstadt» zeigte, so der Historiker Stefan Dieter. Ein Grund mehr für Balthasar Klammer, 1531 Kaufbeuren zu verlassen.

Vor 480 Jahren kehrte der später bedeutende Rechtsgelehrte seiner Heimatstadt den Rücken. Dort wurde er 1504 geboren. Sein Vater Matthias Klammer war 1525 Bürgermeister der Reichsstadt und sorgte als eifriger Katholik mit dafür, dass der Bauernaufstand erstickt und die Reformierten vertrieben wurden. Für den eher weltoffenen Balthasar Klammer untragbar, denn er war während des Theologie- und Jurastudiums zum lutherischen Glauben konvertiert. 1531 emigrierte er deshalb aus Kaufbeuren, verzichtete auf seine Pfründe an der Frauenkapelle und nahm einen Ruf von Landgraf Philipp dem Großmütigen als Professor an die neue Universität in Marburg an.

Schon im folgenden Jahr wurde er Adlatus des lüneburgischen Kanzlers Johann Forster, den er nach dessen Tode beerbte. Als Kanzler des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg hatte er seinen Sitz in der Residenzstadt Celle und förderte emsig die Reformation: Denn er plädierte auf dem Bundestag in Augsburg sowie den Reichstagen in Speyer und Worms für die neue Religion.

Dabei gelang ihm eine kleine Revanche an seinem Vater: Denn 1546 wurde in Speyer das Wormser Edikt (1521) gegen Luthers Lehre aufgelockert, das sein romtreuer Vater noch positiv aufgenommen hatte. 1554 unterzeichnete Klammer als Bevollmächtigter des Königs von Dänemark den Erbvertrag zwischen den Herzogen August und Johann Friedrich von Sachsen.

Doch als Kanzler pflegte er auch standesgemäß zu leben: In Hassel war er begütert und mit der privilegierten Hasenjagd ausgestattet worden. Zudem belehnte ihn das Kloster St. Michaelis in Meißendorf, wo er weitere Flächen wie das Gut Sonder erwarb. Da schien es nicht verwunderlich, dass Klammer als Politiker die Unabhängigkeitsbestrebungen Lüneburgs vom Herzog unterband, zumal die Verwandtschaft auch Landbesitz in der Lüneburger Heide hatte.

Doch in dieser gab es auch schwarze Schafe: Schwiegersohn Moritz von Zarenhusen war nämlich ein sagenumwobener Raubritter.

Die Route durch einen dunklen Forst der Heide war berüchtigt, denn dort ließen die «Pfeffersäcke» von der Hanse erheblichen Tribut auf ihren Handelsreisen - bis der Raubritter 1590 in eine Falle tappte und erschossen wurde.

Da war Klammer schon nicht mehr am Leben. Dennoch geisterte er bereits leise durch die Gelehrtenstuben. Denn der juristische Schriftsteller Joachim Scheplitz hatte eine Schrift von Klammer übernommen, die dieser eigentlich nur als Ratgeber für seinen Sohn Otto gedacht hatte. Doch Scheplitz gab das Handbüchlein «Kurzer Auszug des gemeinen Lehen- und Kaiser-Rechts» 1599 heraus. Danach erfreute es sich so großer Beliebtheit, dass es bis 1690 siebenmal verlegt wurde. «Das Buch fand in den Gerichtshöfen rasch Eingang und genoss ein nahezu gesetzliches Ansehen», heißt es in einer Biografie.

1964 erschien schließlich ein Werk über Klammer und sein Werk - in Kaufbeuren hingegen erfreut sich der Reformator weitgehender Unbekanntheit.

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