Kelten
Vor 2.400 Jahren: Kelten bearbeiten bereits Eisen und treiben Ackerbau im Allgäu

Sie hinterlassen überall ihre Spuren. Doch darunter findet sich nur wenig Eindeutiges. Fest steht, dass die Kelten in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende im Allgäu siedeln. Sie leben in kleinen Dörfern, die aus Holzhäusern bestehen.

Sie treiben Ackerbau und fertigen Werkzeug und Waffen vor allem aus Eisen - daher fällt auch die Epoche, in der sie zuletzt leben, unter den Überbegriff Eisenzeit. Das Ende der keltischen Kultur im Allgäu kommt mit den Römern. Doch viel mehr als auf gesicherte Erkenntnisse, stützt sich die Geschichte der Kelten im Allgäu auf Vermutungen. Denn sie hinterlassen keine Schriften, sondern geben ihr Wissen durch Druiden von Generation zu Generation mündlich weiter.

Die Kelten bewohnen und bewirtschaften eher den nördlichen, besser zugänglichen Teil des Allgäus. Sie schütten Erde zu viereckigen Wällen auf - sogenannten Viereckschanzen, von denen beispielsweise einige im Landkreis Unterallgäu gefunden wurden. Im Schutz dieser Wälle leben die Menschen. Man hat im Allgäu viele kleinere Viereckschanzen gefunden, in denen maximal ein oder zwei Häuser standen, sagt einer der Unterallgäuer Heimatpfleger, Peter Hartmann. Doch die Menschen bauen auch bereits in größeren, dörflichen Strukturen. Hauptsächlich verwenden sie dabei Holz. Das hält sich auf den feuchten Böden hier in Schwaben nicht lange, sagt Hartmann. So sei zu erklären, wieso bei Ausgrabungen zwar eiserne Werkzeuge und Waffen sowie Keramiken auftauchen, jedoch keine Häuser.

Von der Wehranlage zur Siedlung

Die Schanzen sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Ansichten zur Geschichte im Lauf der Jahrzehnte ändern, sagt Hartmann. Es hieß zuerst, es handle sich um Verteidigungsanlagen, später war von Kultorten die Rede und jetzt spricht man von umfriedeten Häusergruppen, sagt der 76-Jährige. Vor allem die Version mit den Heiligtümern hat sich in vielen Köpfen festgesetzt und das Bild der Kelten verklärt und romantisiert. Denn außer den Schanzen weisen heute vor allem Grabhügel an vielen Orten im Allgäu auf diese frühe Kultur hin, die so schwer greifbar ist. Die Gräber zeigen, dass auch die Kelten bereits an ein Leben nach dem Tod glauben, denn sie begraben ihren Toten mit reichlichen Beigaben.

Der Süden der Region ist damals wildes Land: Moore und Urwald versperren die Täler. Die Orientierung fällt schwer, dort voranzukommen ist mühsam und gefährlich. Wie ihre Vorgänger in der Bronzezeit, legen die Kelten mit großem Aufwand Bohlenwege an, um mit ihren Ochsenkarren von einer Siedlung zur anderen zu fahren. Leichter fahren sie mit Booten über die Gewässer, die noch wesentlich größere Teile der Täler bedecken.

Ab der Höhe von Kronburg (Unterallgäu) in Richtung Norden geht es mit Funden erst richtig los, sagt Dr. Gerhard Weber vom Kulturamt in Kempten. Er spricht über die sogenannte Latènezeit, benannt nach einem wichtigen Fundort in der westlichen Schweiz. Sie umfasst etwa die letzten 450 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Doch trotz der Wildnis am Alpenrand ist auch das Gebiet im Süden damals nicht wüst und leer, sagt Weber. Römische Quellen sind die einzigen schriftlichen Überlieferungen, die sich auf die Kelten beziehen.

Der in römischen Diensten stehende Geschichtsschreiber und Geograf Strabon berichtet darin erstmals von der keltischen Siedlung Cambodunum. Dieser Name steht heute vor allem in Verbindung mit der Römerstadt, aus der viel später das heutige Kempten wird. Aber die keltische Stadt muss nicht unter der römischen liegen, sagt Weber. Denn aus Kempten stammen nur einzelne keltische Funde. Wahrscheinlicher ist, dass das keltische Cambodunum sich im Umkreis von zehn bis zwanzig Kilometern befindet.

Ähnliches gilt für die Siedlung Damasia, die Strabon ebenso erwähnt. Sie könnte zur Zeit der Kelten auf dem Auerberg bei Stötten im Ostallgäu liegen, immerhin beschreibt Strabon sie gleich einer Akropolis, einer Burg, aufragend.

Auf der Suche nach Eisen

Auch im Sonthofer Stadtgebiet leben die Kelten der Latènezeit. Auf ausgedehnten Fluss- und Seensystemen bewegen sie sich per Boot. Daher gehen noch heute viele Namen auf diese Zeit zurück, beispielsweise Illaria, Ostracha, und Blaichacha (Iller, Ostrach und Blaichach). Uwe Brendler setzt sich seit Jahrzehnten mit den Funden rund um Sonthofen auseinander. Der 73-Jährige engagiert sich im Kulturbeirat, ist im Heimatdienst aktiv und berät die Stadt ehrenamtlich in archäologischen und geologischen Fragen. Ich nehme an, dass die Kelten auch in Sonthofen Eisen gefunden und verarbeitet haben, sagt er.

Zwar sind Beweise rar und aus Kostengründen gibt es bisher keine wissenschaftliche Untersuchung. Doch zumindest belegen Funde aus dem Mittelalter, dass der Rohstoff noch gut ein Jahrtausend später dort im Tagebau abgebaut wird. Also vermutet Brendler, dass auch die Kelten schon in Siedlungen mit 60 bis 80 Menschen dort leben und ihren Handwerken nachgehen.

Dass die Kelten sich überhaupt in dieses wilde Land wagen, erklärt Brendler mit einem enormen Bevölkerungswachstum in den damals dichter besiedelten Gegenden in Baden-Württemberg oder bei Manching in der Nähe von Ingolstadt. Davon zeugen auch die vielen Grabhügel im Unterallgäu, wie Heimatpfleger Hartmann sagt. Ebenso unterhalten die Kelten bereits rege Handelsbeziehungen mit den Völkern in und jenseits der Alpen. Das ist wiederum ein möglicher Faktor, der die Römer auf den Plan ruft.

Mit ihnen befasst sich der nächste Teil unserer Serie. Sie überqueren die Alpen und übernehmen die Macht in der Region, die Teil der Provinz Rätien wird. Das verläuft nach Webers Worten verhältnismäßig friedlich: In der Region um Kempten ist nicht belegbar, dass es zu Kampfhandlungen mit den Römern kam. Hartmann und Brendler vermuten, dass die meisten Kelten zu dieser Zeit, im Jahr 15 vor Christus, schon fort sind. Warum und wohin sie gegangen sind, ist noch immer eines der vielen Geheimnisse dieser Kultur im Allgäu.

Info: Fürsten und Druiden

  • Obwohl die Kelten in vielen Bereichen fortschrittlich arbeiten, konzentriert sich der Wohlstand auch bei ihnen auf die Eliten. Wertvolle Beigaben in Fürstengräbern aus dieser Zeit belegen das. Vor allem in der Latènezeit (ab 450 vor Christus) wachsen lose Gruppen zu festen Stammesverbänden zusammen, die auch untereinander um die Vormachtstellung streiten.
  • Neben diesen Stammesfürsten genießen die Druiden hohes Ansehen. Sie sind aus heutiger Sicht eine Art Priester und die geistigen Führer. Die Druiden sammeln das Wissen eines Stammes und geben es an ihre Nachfolger weiter. Das ist besonders wichtig, da die Kelten in dieser Zeit noch keine Schriftkultur entwickelt haben. Die Druiden verfügen über naturkundliche, medizinische und juristische Kenntnisse. Ebenso geben sie die Geschichte des Stammes weiter. Entsprechend lange muss ein angehender Druide lernen. Es können gut 20 Jahre vergehen, bis er das Wissen seines Meisters aufnimmt.
Autor:

Frank Eberhard aus Kempten

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