Tage mit Sinn (3)
Von Trauer und Neubeginn

Kirchlich betrachtet ist der Monat November ein gegensätzlicher. Zum einen wird getrauert, zum anderen wird kurz darauf mit dem Advent ein Neubeginn, das neue Kirchenjahr, gefeiert. Der katholische Pfarrer Karl-Bert Matthias und der evangelische Dekan Jörg Dittmar erklären, wie und ob sie in diesem Monat trauern oder feiern. In unserer Serie «Tage mit Sinn» unterhalten sich die Theologen über Feiertage der Konfessionen und was es mit ihnen auf sich hat. Denn viele kennen die Hintergründe kirchlicher Feiertage nicht mehr.

Der finstere und graue Monat November ist voll mit Tagen, an denen wir der Toten gedenken. Gerade für jemanden, der einen lieben Menschen verloren hat, ist es schwer, sich danach auf die Adventszeit einzulassen. Daher verstehe ich nicht, warum all diese Gedenktage so geballt in nur einem Monat gefeiert werden. In unserer Pfarreiengemeinschaft lade ich jeden Monat schriftlich die Angehörigen von Verstorbenen der vergangenen fünf Jahre zu einem Gedenkgottesdienst ein.

Dittmar: Die Frage ist nur, ob mich das abhalten muss, diesen Schmerz zu benennen und Menschen in dieser Situation zusammenzubringen. Bei uns Evangelischen ist es Tradition, dass wir zum Ewigkeitssonntag alle Familien einladen, die im vergangenen Jahr einen Todesfall hatten. Wir zünden für die Verstorbenen eine Kerze an und feiern Abendmahl.

Matthias: Das ist doch ein Totensonntag?

Dittmar: Man hat das Wort Ewigkeitssonntag bewusst gewählt, um an den Ausblick zu erinnern - da ist eine Welt hinter dem Sterben, hinter dem Tod. Es ist nicht nur ein Trauern, es ist auch ein Blick auf die Seite jenseits des Todes.

Matthias: Aber dann könnte man ja gemeinsam Allerseelen feiern. Was am letzten Sonntag vor dem 1. Advent bei Euch der Ewigkeitssonntag ist, ist bei uns der Christkönigssonntag. Ihr gedenkt der Toten, wir schauen auf die Königsherrschaft Gottes, ohne dabei zu einer exaltierten Beanspruchung weltlicher Macht zu gelangen.

Dittmar: Wir mussten aber klarstellen, dass die Lebenden keinen Einfluss darauf haben, wie es den Toten geht. Das war Martin Luther aufgestoßen - nach dem Motto, Ich kann sogar einen Ablass für einen Verstorbenen kaufen, damit der aus dem Fegefeuer in den Himmel springt. Wir glauben: Die Verstorbenen sind in Gottes Hand geborgen. Sie brauchen uns nicht mehr. Aber die Lebenden können einander brauchen als Seelsorger und Tröster.

Matthias: Aus der Geschichte wissen wir, dass im Jahr 1816 durch königlichen Befehl von Friedrich Wilhelm III. der Totensonntag in Preußen eingeführt wurde. Man musste also im Gottesdienst auf Geheiß des Königs der Toten gedenken. Das ist schon seltsam, dass die evangelische Kirche dem preußischen König da Folge leistete.

Dittmar: Nein nein, das stimmt nicht ganz. Der Punkt ist: Die Evangelen waren nach ihrer Gründung auf den Schutz ihres jeweiligen Landesherren angewiesen. Es entstanden Landeskirchen, die sich unterschiedlich entwickelt haben. Den deutschen Flickenteppich der Kleinstaaterei gab es deshalb auch kirchlich. Jede Landeskirche hatte ihre Eigenheiten und teilweise Feiertage an ganz unterschiedlichen Tagen - und das war es, was den preußischen König gestört hat - zum Beispiel beim Buß- und Bettag. An der Küste war das der Gedenktag, dass die Deiche halten. Man hat ihn an einem Tag gefeiert, an dem eine Flut zu befürchten war. Andere feierten Buß- und Bettag wiederum, da sie einen Sturm oder schlechte Ernte befürchtet haben.

Matthias: Unser Christkönigsfest ist auch recht jung. Es wurde erstmals anlässlich des Heiligen Jahres 1925 zur 1600-Jahr-Feier des Konzils von Nicäa 325 von Papst Pius XI. eingesetzt. Später spielte es bei der katholischen Jugend zur Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reichs eine große Rolle. Junge Katholiken setzten mit Prozessionen und Feiern am Christkönigssonntag ein Zeichen gegen die Ideologie des Nationalsozialismus und gegen den politischen Führer. Dies ist heute, Gott sei Dank, nicht mehr nötig.

Dittmar: Dafür ist Allerseelen ein ganz besonderer Tag bei Euch. Ich bin gerne bei den Friedhofsfeiern mit dabei und merke da, wie wichtig es ist, der Toten zu gedenken. Ich gehe auch gerne abends auf den Friedhof, wenn die vielen Lichter brennen.

Das ist ein besonderer Eindruck an Allerseelen, und den muss man sich gönnen. Da lernen wir auch von unseren katholischen Freunden. Es gehen auch viele Evangelische nach dem Gottesdienst am Ewigkeitssonntag auf den Friedhof und zünden eine Kerze an - es ist ein schönes Symbol. Christian Steinmüller

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